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Foreace

Götterdämmerung

03.11.2016 | Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Patrick Runte

Wer Golf spielt, sollte die höheren Mächte dieses Sports auf seiner Seite haben. Wem die Herrscher über die Elemente gewogen sind, der wird seine Gegner besiegen. Werft eure Kirchenbänke und Gebetsteppiche weg - die Lösung heißt: FOREACE.

Sag deinem Flight-Partner nur einmal, dass du zur Zeit sensationell puttest - und sei es noch so leise und beiläufig -, der nächste Dreiputt ist dir sicher. Berichte davon, dass du seit soundso vielen Löchern kein Doppelbogey mehr gespielt hast, und du kannst die Zählerei sofort wieder von vorne beginnen. Du musst es noch nicht einmal aussprechen. Wage nicht zu denken, deine Akkuratesse vom Tee sei schon seit geraumer Zeit bestechend - die nächste Lady lässt nicht mehr lange auf sich warten. In dieser Sportart wird jede Form von Hochmut sofort bestraft. Aber von wem? Und wieso? Ich bin weder abergläubisch noch glaube ich an sonst irgendeinen Hokuspokus - aber die Erfahrungen, die ich in den letzten 20 Jahren auf den Golfplätzen dieser Welt gesammelt habe, münden in einer unumstößlichen Erkenntnis: Es gibt so etwas wie einen Golfgott!

Das wussten Ricarda und Alex Russ natürlich nicht, als sie sich vor 13 Jahren in einer Bremer Bar kennenlernten und ihre Nummern austauschten. Mittlerweile sind sie längst verheiratet, haben sinnigerweise unter der postalischen Anschrift Alte Schnapsfabrik die Online-Marketingagentur addwert gegründet, zwei Kinder in die Welt gesetzt und vor dreieinhalb Jahren mit dem Golfspiel begonnen. Und wurden infiziert. Die Beschäftigung mit diesem herrlichen Sport hat bei Rookie Alex schnell zu einer Weisheit von ergreifender Schlichtheit geführt: Golfbälle sind Verbrauchsgegenstände. Bei einem Marketingmenschen durch und durch beginnen in solch einem Moment sofort mehrere Synapsen, zu kooperieren und die nächste logische Erkenntnis auszuspucken: Es gibt also einen Markt dafür! So weit, so richtig. Dass einem dieser Markt durchaus gesättigt erscheinen kann, hat die beiden nicht abgeschreckt, ihre Idee weiterzuspinnen. Und nach intensiven Recherchen kamen sie zu der Erkenntnis, es fehle eindeutig an einer coolen Golfballmarke. "Wenn du eine Jeans kaufst, soll die doch auch möglichst cool sein. Und du hast mit Sicherheit eine Lieblingsmarke", erklärt der 39-jährige Werbefachmann.

Foreace: Klare Sache und viel Spaß: spielen, wie er liegt!
Klare Sache und viel Spaß: spielen, wie er liegt!

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STATTDESSEN HAT ER DIE FIRMA "PLAYLIKEAGOD" GENANNT UND VIER GRIECHISCHE GÖTTER INS RENNEN GEWORFEN.
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Das Ergebnis dieser Überlegungen: Seit knapp einem Jahr gibt es mit FOREACE eine neue Golfballmarke. "Mit unserer Agentur bringen wir andere Produkte erfolgreich auf den Markt, aber wenn wir den Stecker ziehen, ist unsere Arbeit nicht mehr greifbar. Deshalb wollte ich schon immer ein haptisches Produkt, etwas zum Anfassen", so der Golf-Rabbit. Zwei Jahre hat die Vorarbeit gedauert, bevor der Wunsch in die Realität umgesetzt wurde. Seitdem werden in Taiwan, wo auch die noch bekanntere Konkurrenz ansässig ist, vier verschiedene Bälle produziert und mit Totenkopflogo in unterschiedlichen Farben versehen, die es nur online zu kaufen gibt. Das ist Teil der Marketingstrategie, die - kommen wir auf meine eingangs aufgestellte These zurück - unbewusst ins Schwarze trifft: Das Start-up-Pärchen aus Bremen hätte ihr Ballquartett auch Esel, Hund, Katze und Hahn nennen können. Stattdessen hat es die Firma PlayLikeAGod genannt und vier griechische Götter ins Rennen geworfen, die über die Elemente herrschen: Hades, der Herrscher der Unterwelt, ist als günstiges Einstiegsmodell ein Two-Piece-Ball. Die Three-Piece-Kugel heißt Poseidon, der Gott des Meeres. Die Topmodelle sind zwei Four-Piece-Bälle. Zeus, der Mächtigste aller Götter, unterscheidet sich von Helios, dem Sonnengott, zum einen in einer marginal anderen Oberflächenbeschichtung, zum anderen in der Farbe. Denn Helios bricht ganz bewusst mit einem Tabu im Golfsport. Er ist, der glühenden Sonne gleich, leuchtend orange. Ob das von den Heerscharen von Golfern, für die Golfbälle einzig und allein weiß sein dürfen, angenommen wird, bleibt abzuwarten.

Jedenfalls ist das Ziel, eine coole Ballmarke zu kreieren, in jeder Hinsicht gelungen. Optik der Bälle und der Verpackung sind genauso stimmig wie die auf der griechischen Mythologie basierende Marketing-Philosophie. Denn Hacker wie Pro weiß: Wer Erde, Wasser, Wind und Sonne beherrscht, ist guten Scores ein entscheidendes Stück näher gekommen. "Abgesehen vom coolen Branding", so Russ, "wussten wir jedoch auch, dass unser Ball kein Billigmist sein darf, der uns um die Ohren fliegt, sondern qualitativ top sein muss." Die Gralshüter des R&A in St. Andrews und die USGA haben die Produkte der Bremer Neueinsteiger jedenfalls in die Liste der auf der European Tour und weltweit bei allen Turnieren zugelassenen Bälle aufgenommen. Und auch Tester wie Patrick Emery, Teaching-Pro und Leiter der Academy in St. Leon-Rot, waren von den Newcomer-Kugeln begeistert, bei denen manch einer erst auf den zweiten Blick erkennen dürfte, dass die Augenhöhlen im Totenkopflogo durch zwei Eisenschläger symbolisiert werden. Für Russ steht das Totenkopflogo für den Rock'n'Roll, der dem Wesen des Golfsports hierzulande seiner Meinung nach so fehlt. Ist er aber nicht gleichzeitig als Symbol der Vergänglichkeit zu verstehen und steht somit letztlich für die Natur und Bestimmung eines jeden Golfballs?

Foreace: Überholtes Denken: Orange trägt nur die Müllabfuhr
Überholtes Denken: Orange trägt nur die Müllabfuhr
Die wenigsten Amateurgolfer spüren beim Schlagen tatsächlich Unterschiede. In diesem Punkt stimmt mir Russ nicht zu. Und er geht sogar noch weiter: "Neben der Qualität kommt es vorwiegend auf den Spaß und das Ansprechgefühl an", erläutert Russ die Motivation, die zum Kauf der FOREACE-Bälle führen soll. Ich überlege, ob mein persönliches Ansprechgefühl - by the way: was für ein geniales Wort! - schon jemals abhängig war von der Ballmarke, die da auf dem Tee kauerte. Und ich spüre sofort, dass es mit diesen herrlich unbedarften Zeiten vorbei sein wird. Ab sofort werde ich beim Ansprechen darüber nachdenken, welcher Ball da thront. Und ich werde mich schlecht fühlen, sollte es irgendeine gefundene No-Name-Kugel sein. Es kommt aber noch schlimmer: Ich selbst - wie gesagt, absolut unanfällig für jegliche Form von Aberglauben - habe auf den ersten Runden mit Helios tatsächlich das Gefühl gehabt, mit dem Golfgott im Bunde zu sein. Der Ball rollte so eben nicht in den Bunker, blieb Zentimeter vor der Ausgrenze liegen, prallte vom Baumstamm zurück aufs Fairway. Zufall?

Es muss ja im Leben nicht immer alles erklärbar sein. Allein der Name FOREACE ist ja schon ein Widerspruch in sich. Er besteht aus dem Warnruf nach schlechten Schlägen und dem Synonym für ein Hole-in-one, dem Sehnsuchtsziel aller Golfspieler schlechthin. Ein Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl, Ethos und Triebwelt, Gut und Böse - in dem der Mensch auf der Suche nach Erleuchtung naturgemäß überfordert sein muss und sich den Rat eines Theologen einholen sollte - oder noch besser: der Götter!




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