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Open Championship 2015

Von außen betrachtet

21.07.2015 | Von Jan Langenbein, Fotos: Getty Images

Zugegebenermassen ist ,Inside the Ropes' dieses Mal eine Mogelpackung. Viel zu spät dran reisten wir nach St. Andrews, um die Open Championship so zu erleben, wie auch du sie erlebst. Als Fans.

Fährt ein Mitglied der GolfPunk-Redaktion oder sogar mehrere zu einem großen Profiturnier, baumelt um den Hals des oder der Glücklichen normalerweise eine Presseakkreditierung, die nicht nur kostenfreien Zutritt zum Ort des Geschehens, sondern auch die Benutzung des Mediacenters samt Verpflegung, WLAN und, in Schottland nicht ganz unwichtig, "Heizung" garantiert. Hat man allerdings schon Monate vorher beschlossen, dieses Jahr nicht zur Open zu fahren - die Gründe hierfür sind längst nicht mehr zu ergründen -, kommt es spätestens eine Woche vor dem großen Ereignis, wie es nun mal kommen muss, wenn sich die besten Golfer der Welt auf dem berühmtesten Golfplatz der Welt zum grössten Golfturnier der Welt treffen, um den Champion Golfer of the Year zu krönen: Man muss dorthin, koste es, was es wolle.

Ohne auch nur eine Sekunde in jedwede Reiseplanung investiert zu haben, wird deshalb am Montag der Open- Championship-Woche in der GolfPunk-Redaktion die Idee geboren, doch noch ins Home of Golf zu fliegen und zwar auf die harte Tour. Um Mediaakkreditierungen zu betteln wäre sinnlos, denn bei verstrichenen Deadlines ist der R&A in etwa so flexibel wie die nordkoreanische Außenpolitik und ein schneller Check der noch verfügbaren Hotelzimmer in St. Andrews bringt Ernüchterung. Unter 600 Euro die Nacht ist nichts zu haben. Selbst feuchte, in temporäre Gästezimmer umgewandelte Geräteschuppen kosten während dieser Woche in der Stadt nicht weniger. Für Licht am Ende des Tunnels sorgt nur Easyjet: 150 Euro pro Person hin und zurück. Wir sind im Spiel und werden die Open Championship 2015 so erleben, wie sie auch der normale Golffan erlebt: ohne WLAN und mit langen Schlangen vor den Tribünen.

KALT UND FETTIG


Um den halsabschneiderischen Preisen für Unterkünfte aus dem Weg zu gehen, haben sich die englischen Kollegen zu einer drastischen Maßnahme entschieden und ihre Zelte - das ist in diesem Fall wörtlich gemeint - im Garten des GolfPunk Clubhouse in Herzen von St. Andrews aufgeschlagen. Herrschen Dürre wie in der Sahelzone (Hoylake 2006) oder hochsommerliche Gluthitze (Muirfield 2013), ist dies ein absolut probates Mittel; ein Blick auf die Wettervorhersage für die kommenden Tage lässt allerdings Böses erahnen.

Open Championship 2015: Priceless: als Amateur am Sonntag die Open anführen (l.) Veganertreffen: nichts als Esspapier (r.)Open Championship 2015: Priceless: als Amateur am Sonntag die Open anführen (l.) Veganertreffen: nichts als Esspapier (r.)
Priceless: als Amateur am Sonntag die Open anführen (l.) Veganertreffen: nichts als Esspapier (r.)

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DER MAJESTÄTISCHEN STILLE, WÄHREND WOODS SEINEN BALL AUFTEET, FOLGT EIN UNGLÄUBIGES ,OOOHHHHHH!'
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Glücklich über die kostenfreie Unterkunft machen wir uns nach einer kurzen Nacht auf den Weg zum Old Course und keine 115 Euro später (Tageseintrittspreis) stehen wir auch schon am ersten Tee, wo Ivor Robson bei seiner 41. und gleichzeitig letzten Open gerade näselt: "This is game number 19. Please welcome from the USA: Tiger Woods!" Zum ersten Mal während dieser Open kommt Jubel auf, denn die Schotten haben die Feuerwerke, die Tiger Woods hier in St. Andrews bei seinen Siegen 2000 und 2005 abbrannte, nicht vergessen. Mit acht Schlägen Vorsprung siegte er das erste Mal im Home of Golf und prügelte während jener Woche jeden seiner Abschläge über die gefürchteten Bunker hinweg. Weder das Verfolgerfeld noch der Golfplatz waren damals ebenbürtige Gegner für einen Tiger Woods auf dem Höhepunkt seiner Macht. 2005 waren es dann zwar "nur" noch fünf Schläge Vorsprung, doch auch dieser Sieg war eine absolute Demonstration der Überlegenheit. Langeweile kam während dieser beiden Wochen allerdings nie aus und das haben die schottischem Fans dem einstigen Übergolfer nicht vergessen. Der majestätischen Stille, während Woods seinen Ball aufteet, folgt ein ungläubiges "Oohhhh!", als dieser sichtbar fett getroffen und viel zu weit nach links in Richtung 18. Fairway kullert. Auf jedem anderen Golfplatz wäre dieser Schlag ein Desaster, aber hier in seinem Wohnzimmer ist Tiger noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Als sein zweiter Schlag aus 80 Metern in Richtung erstes Grün in den Himmel über Schottland steigt, blickt er ängstlich hinterher, um dann, kaum hat der Ball im Swilcan Burn sein nasses Grab gefunden, wie ein Häufchen Elend in sich zusammenzusacken. Es brauchte nur zwei Schläge von Tiger Woods während dieser 144. Open Championship und jedem auf der Anlage ist bewusst, dass der dreimalige Champion den Cut verpassen wird. "Das hat Potenzial, sich zu einem David-Duval-mäßigen Absturz zu entwickeln. Das ist nicht mehr der Tiger, den wir von früher kennen", raune ich in Richtung Tim, GolfPunk-Häuptling in England, und er nickt zustimmend. Dem alten Mann hinter uns geht diese Zukunftsvision allerdings nicht weit genug. "David Duval? Der spielt doch ganz ansehnlich zurzeit. Ich würde eher sagen, die ganze Tiger-Sache hat mittlerweile Ian-Baker-Finch-Potenzial!" Nach drei gruseligen Löchern überlassen wir Tiger seinem Schicksal und Schwärmen auf dem Platz aus.

An Loch zehn angekommen schimpft Ian Poulter wie ein Rohrspatz, weil ihn um ein Haar ein Abschlag vom neunten Tee am Kopf erwischt hätte. Nur Reflexe, die selbst Oliver Kahn stolz machen würden, verhindern eine Platzwunde. Auf dem Grün angekommen, hat sich der Engländer wieder beruhigt und locht zum ersten Birdie seiner Runde. Drei Flights weiter zurück nehmen Dustin Johnson und Jordan Spieth den Old Course nach allen Regeln der Kunst und doch auf vollkommen unterschiedliche Weisen auseinander. Während Spieth die zweite Halbzeit seiner Jagd nach dem Grand Slam mit chirurgischer Präzision angeht - kontrollierte Eisen vom Tee, präzise Schläge ins Grün und bombensichere Putts -, wählt Johnson die spektakuläre Route. Wo immer es Sinn macht, greift er zum Driver, lässt damit jeden Fairway- Bunker links liegen und hat bei seinen Schlägen in die riesigen Grüns kaum mehr als Wedges in der Hand. Diesen beiden Birdie-Maschinen ist an diesem Tag niemand gewachsen außer Zach Johnson, der am windigen Nachmittag eine sensationelle 66 ins Clubhaus bringt, mit seiner Strickmütze und der darüber gezwängten Sonnenbrille allerdings auch selten dämlich aussieht.

Open Championship 2015: Old Tom: geht doch in Schottland
Old Tom: geht doch in Schottland
Um die letzten Gruppen des Tages auf der 18 zu verfolgen, erkämpfen wir uns kurz vor Sonnenuntergang einen Platz auf der riesigen Tribüne rechts des ersten Fairways. Kaum sind wir dort oben angekommen, pfeift uns ein Ordner, der nicht älter als 20 Jahre sein kann, zurück: "Stopp! Ihr habt keinen Zutritt!" - "Warum das denn?", fragen wir perplex. "Ihr habt hier erst Zutritt, wenn ihr ein paar Bunker Babes mitbringt", grinst er und zeigt auf unsere GolfPunk-Caps. Neil ist 21 Jahre alt, kommt aus einem kleinen Kaff keine 30 Minuten entfernt und das ist seine erste Open als Helfer. Die beiden Siege von Tiger Woods und den Triumph von Louis Oosthuizen hat er selbstverständlich auch live miterlebt. "Aber von hier oben den ganzen Tag die Spieler an der Eins abschlagen und an der 18 ihre Runde beenden zu sehen, ist wirklich das Grösste." Wie Neil den Wind hier oben einen vollen Tag ausgehalten hat, bleibt sein Geheimnis. Wir tippen auf Whisky und streichen bereits nach 20 Minuten die Segel. Zu kalt. Auf uns warten das GolfPunk Clubhouse und am Ende der Nacht ein Zelt.

NOVEMBER


Morgens um 5:30 Uhr von prasselndem Regen auf einer Zeltplane geweckt zu werden zählt zu den unschönen Varianten, einen Tag zu beginnen. Auf dem Links angekommen erinnert das erste und 18 Fairway an diesem Morgen mehr an einen Swimmingpool als an einen Golfplatz. Es schüttet aus Kübeln, und da an Golf eine ganze Weile nicht zu denken ist, werfen wir alle guten Vorsätze über Bord und lungern so lange vor dem Eingang des Mediacenters herum, bis der Türsteher kurz abgelenkt ist, und schlüpfen unentdeckt hinein. Endlich Wärme und trockene Sitzgelegenheiten! Während wir uns an einem Full Scottish Breakfast abarbeiten, hat es sich Marcel Siem im Auto für ein Nickerchen gemütlich gemacht nachdem er nach nur zwei gespielten Schlägen wegen zu starken Regens wieder vom Platz geholt wurde. Aufgeweckt wird er leider erst wieder, 30 Minuten bevor das Turnier fortgesetzt wird, und spielt seine ersten Löcher dementsprechend neben der Spur. "Das geht auf meine Kappe und ich glaube leider nicht, dass ich den Cut schaffen werde", kommentiert er dieses Missgeschick später und wird damit Recht behalten.

Open Championship 2015: Große Enttäuschung: die jährliche Convention der Sonnenanbeter
Große Enttäuschung: die jährliche Convention der Sonnenanbeter
Als sich der Regen, der diesen Julimorgen in einen gefühlten November verwandelte, verzogen hat, verlassen wir das Pressezelt im Wissen, diese Woche nicht noch einmal das Glück zu haben, hier hineinzukommen, denn noch einmal wird der Gorilla vor der Tür seinen Posten sicher nicht verlassen. Es ist uns jedoch völlig schnuppe, denn mittlerweile lacht tatsächlich die Sonne über dem Old Course und Dustin Johnson und Jordan Spieth machen dort weiter, wo sie gestern aufgehört haben: Birdies am Fließband produzieren.

Draußen auf dem Platz bestätigt sich der Eindruck, der sich gestern bereits einstellte. So grandios der Old Course auch ist, kann man ihn selbst spielen, als Zuschauer gibt es hier nicht viel zu sehen. Der einzigartigen Bauweise ist es geschuldet, dass jedes Loch nur von einer Seite aus eingesehen werden kann, und egal wo man auch hinkommt, ein paar Hundert andere Schaulustige hatten bereits dieselbe Idee, was es auf den Löchern 2 bis 16 schwer macht, einen freien Blick auf die besten Spieler der Welt zu erhaschen. Ganz im Gegensatz dazu allerdings die Löcher 1, 17 und 18. Riesige Tribünen haben das einzigartige Finish anführen von St. Andrews in ein Stadion verwandelt, dessen Atmosphäre mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Die glücklichen Fans, die einen Tribünenplatz an der 17 ergattern konnten, schwanken den ganzen Tag zwischen sportlicher Fairness und dem Wunsch, spektakuläre Schläge vom Schotterweg hinter dem Road-Hole-Grün zu sehen. Meist gewinnt die Schadenfreude und jeder Ball, der in dieser misslichen Lage endet, wird freudig beklatscht. Man kann den Schotten aber an den Nasenspitzen ansehen, dass es ihnen an die Golferehre geht, schlechte Schläge zu bejubeln, und deshalb ist das Gejohle umso grösser, wenn sich ein Pro vor den Augen von etwa 8.000 Zuschauern aus diesem Gefängnis befreit.




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