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Ryder Cup 2016

Make America great again?

07.09.2016 | Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images

Wenn ab dem 27. September in Minnesota die grösste Golfshow des Jahres steigt, geht es für Team USA um viel mehr als nur eine kleine goldene Trophäe. Nach drei Demütigungen in Folge liegt das einstige Golfimperium am Boden. Wird Hazeltine die Geburt der ersten Golfordnung?

Der Ryder Cup ist die grösste und geilste Veranstaltung im Golfsport. Doch es droht Gefahr: Wir Europäer sind einfach zu überlegen. Acht der letzten zehn Ryder Cups gingen an Europa. Eine Bilanz, die uns spontan in ein "Olé, olé, olé, olé!" ausbrechen lässt. Aber ist es wirklich gut, dass wir den Amerikanern alle zwei Jahre den Arsch versohlen? Dass wir uns sogar erlauben können, mit ihnen zu spielen, sie nach den Vierern in Sicherheit zu wiegen und dann umso kaltblütiger zurückzuschlagen? Natürlich, sagt unser Herz. Unser Verstand geht jedoch 35 Jahre zurück und erinnert sich daran, dass der Ryder Cup bereits einmal fast an zu großer Dominanz gestorben wäre.

1981 hatte Europa mit 9,5:18,5 auf heimischem Boden die grösste Niederlage aller Zeiten erlitten. Es war für die Amerikaner der zwölfte Sieg in Folge und weder die 1973 erfolgte Aufnahme der Iren in das bis dahin rein britische Team noch die Expansion auf ganz Europa im Jahr 1979 hatte irgendeine Wirkung gezeigt. Die Schmach war derart groß, dass der letzte Sponsor der Europäer, die Sun Alliance Insurance Company, die Faxen dicke hatte und seine Unterstützung zurückzog. Nach der sportlichen stand das europäische Team auch vor der finanziellen Pleite, denn die Anreise in die USA auf eigene Kosten kam nicht in Frage.

Also musste der Chef der britischen PGA Colin Snape Ersatz finden. In seinem Buch "Us against Them" erzählte er Robin McMillan von seiner Mission Impossible: "Ich ging zu einer Fliesenfirma, zur Chemical Bank. Ich ging sogar zur Management-Firma von Tom Jones und Engelbert Humperdinck. Aber das einzige Angebot, das ich nach sechs Monaten zusammenhatte, waren Zigaretten-Coupons im Wert von 80.000 Pfund." Erst im Dezember 1982, neun Monate vor der nächsten Austragung, kam die Rettung in Form von Bell's Scotch Whisky, die für 300.000 Pfund die nächsten zwei Ryder Cups finanzierten. Und als 1985 die Europäer nach 28 Jahren endlich wieder einen Sieg feiern konnten, sah die Zukunft des Kontinentalwettstreits plötzlich rosarot aus.

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ABER IST ES WIRKLICH GUT, DASS WIR DEN AMERIKANERN ALLE ZWEI JAHRE DEN ARSCH VERSOHLEN?
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Heute wirft eine Austragung für die Veranstalter Einnahmen bis zu 100 Millionen Euro ab. Geld, das insbesondere für die European Tour überlebenswichtig ist. Und je umkämpfter der Ryder Cup ist, desto grösser der Reiz für die Zuschauer und Sponsoren. Auf paradoxe Art und Weise läge eine Niederlage der Europäer insofern im Interesse der European Tour. Freiwillig gibt man sich natürlich trotzdem nicht geschlagen. Und so müssen die Europäer auch in Hazeltine als Favoriten gelten - auch wenn die Amerikaner wie immer von der Papierform eine schlagkräftigere Truppe stellen. Schließlich haben sie bisher schon acht aus den Top 20 der Weltrangliste im Kader, die Europäer gerade einmal fünf.

Doch warum scheiterten die Amerikaner in den letzten Jahren? Jahrelang lautete die Maxime, die Amerikaner seien hervorragende Einzelspieler, aber ohne große Teamfähigkeit. Von der Brillanz war in den letzten Jahren nicht viel zu sehen. In fünf der letzten sieben Ryder Cups behielten die Europäer die Oberhand. Seit 2002 steht es 48:36 in den Einzeln. Auch im klassischen Vierer sieht es übel aus, hier schnitten die Amerikaner nur 2012 besser ab. In den letzten 14 Jahren haben sie mit 23,5:32,5 das Nachsehen. Einzig in den Fourballs sind die Stars and Stripes halbwegs konkurrenzfähig: Drei der letzten sieben konnten sie gewinnen, liegen hier seit 2002 nur mit 27:31 zurück.

Die wahren Probleme der Amerikaner lassen sich allerdings nicht in Zahlen aufschlüsseln. 2014 implodierte das Team, weil es zum Riss zwischen den Spielern und Kapitän Tom Watson kam. 2012 nahm Davis Love III die Verantwortung für die Niederlage auf sich, weil er die Fahnen auf den letzten beiden Löchern rechts gesetzt hatte, sodass sie eher den Europäern als den auf Draws geeichten Amerikanern in die Karten spielten. Und 2010 sorgte das Wetter dafür, dass Corey Pavin in den Vierern am zweiten und dritten Tag all seine Spieler einsetzen musste und sie nicht entsprechend ihrer Qualitäten gezielt für den klassischen Vierer oder die Fourballs einplanen konnte.

Doch statt dies als Zufallsprodukte hinzunehmen, verfallen die Amerikaner seit einigen Jahren in blanken Aktionismus. Am besten zu sehen ist dies an den zuletzt ständig wechselnden Qualifikationskriterien für das Team. Bis 1989 hatten die Amerikaner komplett ohne Captain's Picks agiert, die nächsten 17 Jahre wählten sie zwei. Die grösste Revolution stiess Paul Azinger 2008 an. Er verdoppelte die Anzahl der Captain's Picks auf vier und veränderte die Qualifikationskriterien dahingehend, dass nicht mehr ein Zweijahres-Zeitraum zählt, sondern nur das aktuelle Ryder-Cup-Jahr. Einzig die Majors aus dem ersten Jahr werden hinzugerechnet und die Majors des aktuellen Jahres erhalten eine doppelte Wertigkeit. So hoffte Azinger, Zufallsqualifikanten wie Chris Riley und Fred Funk (2004) von vornherein auszusieben.

Weil die Amerikaner 2008 ausnahmsweise gewannen, beließ man es dabei - bis Tom Watson vor zwei Jahren entschied, ihm reichen auch drei Picks. Davon weicht Davis Love III in diesem Jahr wieder ab. Er holte sich den vierten Pick wieder zurück und fügte noch einen ganz eigenen Dreh hinzu. Weil 2014 nach der Nominierungs-Deadline plötzlich Billy Horschel aufdrehte und mit zwei Siegen und einem zweiten Platz den FedEx-Cup gewann, benennt Davis Love III in diesem Jahr das letzte Mitglied seines Teams erst fünf Tage vor dem Beginn des Ryder Cup. Bei derartigen Überreaktionen würde es nicht überraschen, wenn die Amerikaner bei einer erneuten Niederlage 2018 in den Tagen vor dem Cup einen Shoot-out der besten 50 Kandidaten starten, um so die besten Captain's Picks zu finden.

Das ist aber noch nicht einmal der grösste Irrsinn, den man sich für dieses Jahr hat einfallen lassen. Weil sich die Armada der amerikanischen Kapitäne offensichtlich als unfähig erwiesen hat, funktionierende Vierer-Paarungen aufzustellen, will man es in diesem Jahr der Mathematik überlassen. So wie beim American Football, Basketball und Baseball mit neuen, modernen Statistiken jede Kleinigkeit analysiert wird (Stichwort: Sabermetrics), will Davis Love III jetzt auch den Ryder Cup revolutionieren. Sein kühner Plan: Er will die Unmenge an neuen Statistiken der PGA Tour nutzen, um die perfekten Vierer zu formen. Dabei sollen Spieler, die ihre Eisen aus bestimmten Entfernungen besonders gut an die Fahne schlagen, mit Teamkollegen gepaart werden, die ihnen mit der Länge ihrer Drives in Hazeltine möglichst oft genau diese Entfernung verschaffen können. Dass Tiger Woods und Phil Mickelson bereits vor Jahren bewiesen haben, dass ein Vierer auch menschlich harmonieren muss, scheint der US-Kapitän dabei zu vergessen.

Bei so viel übertriebener Datenanalyse kann man dann doch wieder nur hoffen, dass die Amerikaner von Martin Kaymer, Henrik Stenson, Justin Rose & Co. in feinster Handarbeit erneut den Hintern versohlt bekommen. Bis 2018 wird der Ryder Cup schon noch überleben.




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