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Schwinger Club Vol. 13

Vincent Langer

20.05.2014 | Von Jan Langenbein, Fotos: Jürgen Tap Hoch Zwei/Maui Jim

Trägt man diesen Nachnamen, muss man selbstverständlich auch zum Golfschläger greifen. Aber selbst wenn er Müller heißen würde, Windsurfer Vincent Langer wäre trotzdem cool genug, um in den Schwinger Club aufgenommen zu werden.

Nur um die Sache klarzustellen: Bernhard Langer und Vincent Langer sind weder verwandt noch verschwägert. Der eine, so viel sollte klar sein, gewann zweimal das Masters, wurde 2002 in die World Golf Hall of Fame aufgenommen und kommt aus dem Schwäbischen. Der andere ist 29 Jahre jünger, stammt aus dem anderen Ende der Republik - aus Kiel, um genau zu sein - und ist Deutschlands bester Windsurfer. Zumindest wenn es darum geht, mit dem Surfboard möglichst schnell oder so gekonnt wie möglich im Slalom-Parcours zu surfen, denn Vincent Langers Paradedisziplinen sind Formula-Racing und Slalom. 2012 gewann Vincent die deutschen Meisterschaften im Windsurfen und verteidigte diesen Titel 2013 nicht nur, sondern wurde vergangene Saison auch noch Vizeweltmeister im Slalom. Formula-Racing beim Windsurfen ist so etwas wie die Formel 1 im Surfen. Unendliche Stunden müssen in die optimale Abstimmung des Materials investiert werden. "Der Großteil meiner Trainingszeit ist tatsächlich dem Testen gewidmet. Masten, Segeln, Gabeln, Finnen - all das muss perfekt aufeinander abgestimmt sein und zu den jeweiligen Rennbedingungen passen, sonst hat man beim Racing keine Chance."

Und so verbrachte Vincent Langer die ersten Monate des Jahres beinahe komplett auf Teneriffa, um das perfekte Material für die Weltmeisterschaften 2014 zu finden.

Bis dahin war es jedoch ein weiter und nicht immer geradlinig verlaufender Weg. Also spulen wir das Band zurück in die 90er, als ein zehn Jahre alter Vincent viel lieber Fußball gespielt hätte, doch sein Vater war Windsurfer und so musste Vincent mit an den Strand, ob er wollte oder nicht. "Was hätte ich denn anderes machen sollen, außer auch raus aufs Wasser zu gehen?" Doch das war mehr als eine aufgezwungene Freizeitbeschäftigung, Vincent hatte seine Passion gefunden und von dem Wunsch, mit Kumpanen auf dem Bolzplatz zu kicken, war keine Rede mehr.

Schwinger Club Vol. 13: Ganz wie im Kindergarten: immer möglichst viel Spielzeug mit in den Sandkasten nehmenSchwinger Club Vol. 13: Ganz wie im Kindergarten: immer möglichst viel Spielzeug mit in den Sandkasten nehmen
Ganz wie im Kindergarten: immer möglichst viel Spielzeug mit in den Sandkasten nehmen

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WIR VERSUCHTEN DEN GANZEN TAG, VOM STRAND DIE TONNEN IM WASSER ZU TREFFEN.
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Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur die körperlichen Voraussetzungen, sondern auch jede Menge Talent für den Ritt auf den Wellen vorhanden waren, und nach dem Abitur 2006 wurde Vincent dann in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen und bereitete sich zwei Jahre auf die Olympischen Spiele vor. Allerdings ohne Erfolg, denn mit etwa 90 Kilo Körpergewicht war er für die Formel 1 auf dem Wasser etwas zu schwer. Wie bei Skispringern und Jockeys ist auch bei Windsurfern dieser Disziplinen das Gewicht ein entscheidender Faktor. Mit Hungerperioden, die selbst Heidi Klum ihren "Meeedchen" nicht aufzwingen würde, quälte sich Vincent, bis die Waage nur noch 75 Kilogramm anzeigte. Mit einem genussvollen Leben hatte das aber nichts mehr zu tun, also war Schluss mit dem Ziel Olympia. "Danach habe ich gedacht: 'Du musst jetzt etwas Vernünftiges machen!'" Und was könnte vernünftiger sein als ein Lehramtsstudium? Sport und Geschichte waren die Fächer seiner Wahl. "Vor der Klasse zu stehen und mit Kindern zu arbeiten finde ich einfach spitze. Lehrer zu sein macht mir unglaublichen Spaß. Als ich wusste, dass ich jederzeit in diesen Beruf zurückkehren könnte, gab das meinem Surfen wieder einen Schub."

So folgte nach dem Studium der zweite Anlauf, es als Windsurfing-Profi zu versuchen. Seither finanziert sich Vincent ausschließlich durch seinen Sport. Damit lassen sich zwar keine Reichtümer scheffeln, doch Surf-Profis haben diesen Weg eingeschlagen, weil sie ihren Sport und den damit verbundenen Lifestyle über alles lieben und das Meer und den Strand niemals gegen ein Büro eintauschen würden. Auch wenn das zur Konsequenz hat, dass man sich als Einmann-Unternehmen in einem harten Konkurrenzkampf behaupten und Fähigkeiten entwickeln muss, die mit dem eigentlichen Sport auf den ersten Blick nur sehr wenig zu tun haben. "Als Windsurfer bin ich gleichzeitig Reiseagent, Manager, Werbeagentur, und wenn es manchmal nötig ist, auch Automechaniker", lacht Vincent, wenn er versucht, eine halbwegs durchschnittliche Woche während der Saison zu beschreiben.

Vor sechs Jahren kam zu dieser Liste noch eine Freizeitbeschäftigung hinzu. Als 2008 bei einer Regatta in Eckernförde absolute Flaute herrschte, traf es sich gut, dass der ehemalige Windsurf-Kumpane und Regatta-Surfer Yannick Oelke, der mittlerweile auf Golf Teaching Pro umgesattelt hatte, im nahe gelegenen GC Altenhof arbeitete. "Yannick kam zur Regatta und meinte zu uns: 'Jungs, es gibt in den nächsten drei Tagen keinen Wind. Kommt mit auf die Driving Range und ich zeige euch den idealen Zeitvertreib für windstille Tage!'" Eine Stunde später versuchten 40 Windsurfer, die kleine weiße Murmel zu treffen. "Am nächsten Tag hatten nicht nur ich, sondern auch eine Menge Kollegen Muskelkater an Stellen, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Aber wir hatten Blut geleckt, besorgten uns Bälle und versuchten den ganzen Tag, vom Strand aus Tonnen, die im Wasser unsere Regattastrecke markierten, zu treffen."

Der ehemalige Kollege hatte nicht zu viel versprochen, denn Vincent war tatsächlich angefixt und seither nimmt er, wann immer es der voll gepackte Terminkalender zulässt, die Schläger in die Hand. Denn so unterschiedlich die Windsurfing- und die Golfwelt auf den ersten Blick auch anmuten, so genial ergänzen sich die beiden Leidenschaften. Es spielt Vincent nicht nur in die Karten, dass sein Sponsor Maui Jim Sonnenbrillen für Surfer und Golfer im Sortiment hat. Egal ob Teneriffa, Sylt oder Portugal, in der Nähe jedes guten Surf-Spots gibt es unter Garantie auch einen passenden Golfplatz. Wie zum Beispiel auf Norderney, wo nicht nur einmal im Jahr die Windsurf-Elite um die Wette fährt, sondern auch die deutsche Windsurf-Legende Bernd Flessner lebt, der es auf dem Brett zu sagenhaften 16 deutschen Meistertiteln gebracht hat. Auf dem Wasser hat Vincent den Altmeister zwar in den letzten Jahren geschlagen, doch wenn Flessner die Kollegen mit auf den knochigen Neunlochplatz der Insel nimmt, dann ist er immer noch der absolute Platzhirsch, schließlich tritt der Mann mit einem niedrigen einstelligen Handicap an.

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Windsurfer sind nicht die einzigen Actionsportler, die in ihrer Freizeit gerne zum Golfschläger greifen, wie sich vergangenes Jahr gezeigt hat. Als im Vorfeld der X Games in München zahlreiche BASE Jumper, Skateboarder, Motocrosser und Snowboarder ihren "King of Greens" ausspielten, wurden zahlreiche Runden in den 70ern in das Clubhaus gebracht und Matteo Manassero, der an einem Par 3 zum "Beat the Pro" bereitstand, hatte keinen lockeren Tag unter Amateuren, sondern musste sich richtig anstrengen, um nicht regelmäßig abgezockt zu werden. 18 entspannte Löcher sind für diese Adrenalin-Junkies genau das Richtige, um ein wenig die Seele baumeln zu lassen. "Auf dem Golfplatz ist alles etwas leiser als auf dem Wasser. Auch der Körper wird leiser. Nach dem Rennen ist man voller Adrenalin und richtig aufgekratzt. Golf ist dazu ein sehr gutes Gegenstück und ich muss auch nicht unbedingt eine Runde spielen, um Spaß am Golfen zu haben. Das Auf-den-Ball-Schlagen ist einfach ein geiles Gefühl, das total schockt, und deshalb kann ich auch auf der Driving Range richtig viel Spaß haben. Wenn Yannick die Bälle weiter schlägt als ich - und natürlich tut er das als Pro -, dann möchte ich genauso weit schlagen wie er. Das, finde ich, sind die coolsten Momente beim Golf."

Im Gegensatz zu vielen Profigolfern, die ihren Sport aussschließlich als Beruf auffassen und deren Anzahl der Spaßrunden pro Jahr daher gegen null tendiert, verbringt Vincent so viel Zeit wie irgend möglich auf dem Wasser. "Windsurfen ist mein Leben, und da es so viele verschiedene Disziplinen gibt - wie zum Beispiel Wave, also in den Wellen bei viel Wind mit hohen Sprüngen und Rotationen -, surfe ich auch richtig oft einfach nur zum Spaß. Sind die Wellen hoch, schnappe ich mir gerne ein Waveboard, was zwar etwas komplett anderes ist als meine eigentlichen Disziplinen, mir aber ebenfalls riesigen Spaß macht. Ist das Wasser absolut flach, kann ich auch freestylesurfen. Auch das ist extrem geil!" Aus diesem Grund ist Vincents Mercedes-Benz Sprinter bis unter das Dach voll gestopft mit Surfboards für alle nur denkbaren Disziplinen und zwischen all den Brettern und Segeln finden sich auch eine Matratze und ein Golfbag - also alles, was es braucht für actiongeladene Wochen am Strand zwischen den Wellen auf der See- und dem Golfplatz auf der Landseite.

Klingt nach einem perfekten Leben. Doch wer jetzt auf die Idee kommt, den nächsten Golfurlaub mit einem Surf-Trip zu verbinden, der sei gewarnt. Im Vergleich zu den Bergen von Segeln, Masten und Brettern in Vincents "Kofferraum" muss sich ein Golf-Travelcover am Flughafen wie Handgepäck anfühlen. "Bei einem Flug zum Training nach Teneriffa sind 500 Euro für Übergepäck keine Seltenheit", grinst Vincent gequält. Auch ein Leben am Strand hat also seinen Preis, und wer das nächste Mal auf dem Weg in den Golfurlaub von der Dame am Lufthansa-Check-in 50 Euro für das Travelcover abgeknöpft bekommt und darüber überhaupt nicht glücklich ist, sollte einfach an Vincent denken und alles ist wieder gut.




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