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Schwinger Club Vol. 15

Philipp Kohlschreiber

30.07.2014 | Von Jan Langenbein, Fotos: Rolf Otzipka / Getty Images

Bevor er sich am Hamburger Rothenbaum bis ins Halbfinale spielte, hatten wir Gelegenheit, uns davon zu überzeugen, dass Philipp Kohlschreiber auch mit dem Golfschläger ordentlich zuschlagen kann. Herzlich willkommen im Schwinger Club!

Ein einziger Probeschwung reicht Philipp Kohlschreiber. Nachdem er für die Zuschauer ein paar Tennisbälle mit schlafwandlerischer Sicherheit aus dem ersten Stock in ein etwa 40 Meter entferntes Chipping-Netz der "Golf Lounge" in Hamburg geschossen hat, greift er sich einen Driver - es ist nicht mal sein eigener -, stellt sich in die Abschlagbox und schlägt so hart auf den Ball, wie es die nicht aufgewärmten Muskeln gerade zulassen. Bang! Schwungpuristen würden wahrscheinlich bemängeln, dass die leichte Linkskurve ein wenig zu ausgeprägt und deshalb mehr Hook als Draw war, und Ben Hogan würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen, könnte er sehen, wie Philipp den Golfschläger greift. Der Ball landet jedoch genau dort, wo er hinsollte, und auf dem Monitor des TrackMan steht es schwarz auf weiß: "Carrylänge: 221 Meter. Gesamtdistanz: 244 Meter". Und das Ganze in Klamotten, die gerade einmal genügend Bewegungsfreiheit für ein entspanntes Zurücklehnen auf der Couch fürs spätere Interview erlauben. Sport-Outfit? Nicht für einen Termin seines Sonnenbrillensponsors Maui Jim. Golfschuhe? Wofür denn, der Ball fliegt doch auch auf glatten Sohlen satte 244 Meter weit - Hut ab!

Auch wenn einige der nächsten Bälle in den seitlichen Auffangnetzen landen, oder besser gesagt darüber hinaus fliegen, ist es selbst für Laien leicht zu erkennen, dass Philipp Kohlschreiber das hat, wovon jeder Amateur-Golfer träumt: Ballgefühl - und zwar jede Menge davon. Verwundern dürfte das niemanden, schließlich liegt Philipp zurzeit auf Rang 26 der Tennis-Weltrangliste. Er weiß also, wie man mit einem Schläger umzugehen hat. Ob der Ball nun klein, weiß und hart oder etwas größer, gelb und filzig ist, spielt in puncto Spielgerätbeherrschung zunächst eine untergeordnete Rolle. "Als Tennisprofi verfügt man ohnehin über ein gewisses Bewegungstalent. Eine gute Augen-Hand-Koordination ist im Tennis wie im Golf ein riesiger Faktor. Ich würde mal behaupten, dass sich Tennisspieler oder Eishockeyspieler von Beginn an leichter tun, den Ball satt zu treffen und ihm eine gute Länge mitzugeben. Aber man darf nicht vergessen, dass es im Golf um Präzision geht, und die bekommt man nur durch viel, viel, viel Üben."

Was das Üben angeht, dürften sich Tennis und Golf kaum unterscheiden, jedenfalls nicht, möchte man in die absolute Weltspitze vordringen. Dieser Weg begann für den heute 30-jährigen Augsburger bereits im Alter von vier Jahren, als er das erste Mal einen Tennisschläger in die Hand nahm. Zunächst in seiner Heimatstadt in der Bezirksliga und später in München in der Bundesliga machte sich Philipp bereits als Amateurspieler einen Namen, bevor er 2001, ein Jahr nachdem er sein erstes ATP-Turnier bestritten hatte, ins Profilager wechselte. Hightech-Training wie beim Golf war im Tennis sowohl damals als auch heute offensichtlich nicht üblich.

Schwinger Club Vol. 15: Bei der Messung des Trampolineffekts fielen in St. Andrews einige alte Herren in OhnmachtSchwinger Club Vol. 15: Bei der Messung des Trampolineffekts fielen in St. Andrews einige alte Herren in Ohnmacht
Bei der Messung des Trampolineffekts fielen in St. Andrews einige alte Herren in Ohnmacht

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EIN BISSCHEN DACHTE ICH ZU BEGINN NATÜRLICH NOCH: ,DAS IST KEIN RICHTIGER SPORT!' MAN MUSS SICH SCHLIESSLICH NICHT SO VERAUSGABEN WIE BEIM TENNIS.
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Der TrackMan, der gerade noch die Daten zu Philipps Monster-Drive ausgespuckt hat, beeindruckt Philipp sichtlich. Weniger wegen der absolut überzeugenden Länge, vielmehr weil der Monitor empirisch belegt, dass Philipp zu sehr von innen an den Ball kommt - alte Tennisspieler-Krankheit - und deshalb bei seiner knackigen Schlägerkopfgeschwindigkeit durchaus noch mehr Länge drin wäre, würde sich dieser zu große Winkel dem Optimum annähern. "Das ist wirklich cool! Solche Daten hätte ich zu meinen Schlägen im Tennis auch gerne. Insbesondere am Aufschlag könnte man mit einem solchen Gerät sicher noch etwas feilen", staunt er und wir versuchen umgehend, den TrackMan zu zweckentfremden. Doch egal ob Power-Aufschlag oder einfache Vorhand aus der Abschlagkabine, das Radar weigert sich schlichtweg, die gelbe Filzkugel als Ball zu erkennen, und so erklären wir den Versuch schnell für gescheitert. Über diese Marktlücke sollten sich Ingenieure und Ballistiker auf der Suche nach der nächsten Geschäftsidee mal Gedanken machen.

Die Entscheidung, mit 18 Jahren ins Profilager zu wechseln, stellte sich für Philipp schnell als goldrichtig heraus, denn es ging weiter kontinuierlich nach oben. 2003 spielte er sein erstes Grand-Slam-Turnier und 2004 kämpfte er sich unter die Top 100 der Weltrangliste. Bereits drei ATP-Titel im Doppel konnte Philipp feiern, bevor er 2007 in München auf der Anlage seines ehemaligen Clubs den ersten ATP-Einzeltitel seiner Karriere errang. Bis heute stehen in seinem Trophäenschrank insgesamt sieben Doppel- und fünf Einzelpokale. Der letzte stammt aus Düsseldorf, wo er in diesem Jahr das Finale des Sandplatzturniers gegen Ivo Karlovic gewann. Philipps bestes Ergebnis bei einem Grand-Slam-Turnier erreichte er 2012 in Wimbledon, wo er sich bis ins Viertelfinale spielte und dort gegen Jo-Wilfried Tsonga verlor. Alles in allem brachte ihm sein Job bisher ein Karrierepreisgeld von gut 7,5 Millionen Dollar ein und seine beste Weltranglistenplatzierung war bislang Rang 16.

Es braucht jedoch mehr als "nur" sportlichen Erfolg, um mit einer Mitgliedschaft im Schwinger Club geadelt zu werden, schließlich haben die anderen Mitglieder wie Stefan Kretzschmar, Sepp Maier und Peter Neururer auch abseits des Platzes einiges zu sagen. Philipp Kohlschreiber steht diesem Trio in nichts nach, wenn es darum geht, zu seiner Meinung zu stehen, auch wenn man damit aneckt. Ob Philipp noch einmal für Deutschland im Davis Cup antreten wird, weiß niemand, auch wenn sportlich eigentlich kein Weg an ihm vorbeiführt. Ob Teamchef Carsten Arriens nach etlichen Querelen Philipp Kohlschreiber noch einmal ins Team nimmt, wird sich zeigen. Dass Philipp aus Fehler lernen und diese auch eingestehen kann, zeigte sein unglücklicher und später Rückzug vom olympischen Turnier 2012 wegen einer Adduktorenverletzung, der bei Kollegen wie Tommy Haas oder Legenden wie Boris Becker harsche Kritik hervorrief. Bereits 2013 sah Philipp sein Verhalten allerdings ebenfalls kritisch und gab ganz offen zu: "Das Olympia-Thema hätte ich sicher anders handhaben können, auch wenn meine Verletzung dadurch vielleicht schlimmer geworden wäre." Eine Einsicht, die von Reife und Charaktergröße zeugt.

Schwinger Club Vol. 15: Ein feuchter Traum für jeden Golfer: Mulligans, so viele man möchte!
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Zum Golfen kam Philipp vor etwa acht Jahren. "Mein damaliger Trainer war ein ambitionierter Golfer und spielte ein einstelliges Handicap. Er hat mich ab und an mit auf die Runde genommen und mich auch mal chippen lassen. Da kam dann irgendwann die Lust auf, das mit dem Golfen mal ernsthaft zu versuchen." Wie wohl nicht anders zu erwarten bei einem damals 22 Jahre alten und vor Kraft strotzenden Hochleistungssportler, gab es Vorbehalte gegenüber dieser vermeintlichen Altherrensportart, die jedoch schnell ausgeräumt wurden. "Ein bisschen dachte ich zu Beginn natürlich noch: 'Das ist kein richtiger Sport!' Man muss sich schließlich nicht so verausgaben wie beim Tennis. Doch ich habe für mich selbst herausgefunden, dass der mentale Aspekt des Spiels - man muss präzise auf ein Ziel spielen und baut sich dadurch Druck auf, einen guten Score zu spielen - viele Parallelen zum Tennis aufweist."

Lang dauerte es selbstverständlich nicht, bis die Kugel anständig flog, und bedenkt man, dass Philipps Terminkalender für seinen Geschmack viel zu wenige Golfrunden im Jahr zulässt, ist seine bisher beste Runde von 14 über Par eine reife Leistung. "Wahrscheinlich war es ein Ausreißerergebnis, denn es läuft beileibe nicht immer so. An diesem Tag lief einfach alles und das Glück beim Putten hat auch nicht gefehlt. Übung macht wie überall auch im Golf den Meister. Ich habe in letzter Zeit mehr Golf als sonst für mich üblich gespielt und das merke ich im Spiel", erklärt Philipp, während er weiter Drives über die Anlage der "Golf Lounge" prügelt. Sein Talisman Naruto, ein japanischer Ninja aus einer Manga-Serie, ist sinnbildlich für seinen Kampfgeist und seinen sportlichen Ehrgeiz. Schließlich "ist er ein Typ, der niemals aufgibt, ganz egal wie aussichtslos die Situation ist".

Tauscht er den Tennis- jedoch gegen die Golfschläger, dann ist sich Philipp absolut bewusst, dass nun Freizeit angesagt ist und Sinn und Zweck der nächsten Stunden darin liegen, einen Ausgleich zum Stress auf dem Center Court zu finden. "Momentan ist es ganz klar der Erholungsfaktor, der Golf so schön macht. Ich genieße es sehr, im Freien zu sein. Manchmal sieht man in der Frühe auf dem Golfplatz sogar noch Rehe, Hasen oder Füchse. Das ist schon toll. Und den Spaßfaktor, den das Ganze bringt, wenn man mit drei anderen Jungs auf den Platz geht und eine kleine Competition hat, darf man natürlich ebenfalls nicht vergessen", lacht er, während sich der Ballkorb langsam leert. Klar, dass es bei einem Profisportler und Weltklassespieler auch in der vermeintlichen Freizeit nie ganz ohne Wettkampf geht. Eines würden wir Philipps Mitspielern auf den nächsten Runden aber gern noch ans Herz legen: Lasst euch nicht auf einen Longest-Drive Contest ein! Es hat einen Grund, dass der Mann auf die Frage nach seinem Lieblingsschläger, ohne zu zögern, mit "Driver!" antwortet. Der TrackMan lügt schließlich nicht.




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