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Schwinger Club Vol. 4

Donots

07.08.2012 | Von Jan Langenbein, Fotos: KIKE

Zwei Mitglieder von Deutschlands konstantester Alternative-Rockband schwingen gerne die Schläger. Auch wenn einer der beiden sich noch selbst im Weg steht.

Wenn Jan-Dirk Poggemann, seines Zeichens Bassist bei den Donots, einen Golfschläger in der Hand hält, sieht es so aus, als wüsste er, was er tut. Trotzdem ist es für ihn nicht leicht, hierzulande eine Startzeit zu bekommen. Der Mann hat keine Platzreife und schuld daran ist nur er selbst. "Ich war während meiner Platzreifeprüfung etwas zu ehrlich. Nachdem ich einen Chip an einem Par 3 ärgerlicherweise quer über den Platz getoppt hatte, brauchte ich mehr als eine Hand voll Schläge, bis ich den Ball endlich im Loch hatte. Mein Zähler meinte dann: ,Das waren sechs Schläge, stimmt's?', und ich sagte: 'Nein, es waren acht.' Am Ende habe ich deswegen die Prüfung nicht geschafft." Bobby Jones wäre stolz gewesen.

Während Jan-Dirk emphatisch diese tragische Geschichte zum Besten gibt, kann sich Gitarrist und Bandkollege Alex Siedenbiedel das Grinsen nur schwer verkneifen. "Eigentlich sollte man dir nachträglich die Ehrenplatzreife verleihen. Als bei meiner Prüfung jeder geschnallt hat, dass kein Prüfer mitläuft, hat sich der Flight verbündet und festgelegt, dass hier und heute niemand durchfallen wird." - "Wirklich?", lautet der entsetzte Kommentar des einzig Aufrechten am Tisch (solch eine Verschwörung fand auch im Prüfungs-Flight des Autors dieser Zeilen statt), der nun bereut, eine Apfelschorle und kein Bier bestellt zu haben.

Schwinger Club Vol. 4: Merke: Gitarren eignen sich nicht zum AbschlagSchwinger Club Vol. 4: Merke: Gitarren eignen sich nicht zum Abschlag
Merke: Gitarren eignen sich nicht zum Abschlag
Es war Musikerkollege Alex, der Jan-Dirk dazu animierte, es einmal mit Golf zu versuchen. Alex selbst, seit 1996 Gitarrist der Donots, begann 2004 mit dem Golfspielen. Während des Studiums genügte ein Nachmittag mit Kumpels auf der Driving Range und er war angefixt. "Es klingt klischeehaft, aber ich hatte wirklich ab dem ersten Schlag total Bock auf diesen Sport. Man spürt zum ersten Mal, wie der Ball loszischt, wenn man ihn trifft - mehr braucht es nicht, um süchtig zu werden." Zu dieser Zeit gab es auch einen Golf-Freak im Umfeld der Band, der mit Handicap vier richtig gutes Golf spielte und dem Gitarristen unter die Arme griff. "Nach meinem ersten Mal auf der Range gab es kein Halten mehr. Wie ein Verrückter bin ich jeden Tag, manchmal sogar zweimal am Tag, dorthin gefahren und habe Bälle geschlagen."

Die Bandgeschichte der Alternative-Rocker aus dem Umland von Münster reicht selbstverständlich viel weiter zurück als das Hobby ihres Gitarristen. Seit 1993 stehen die fünf nun schon auf der Bühne und haben sich in dieser Zeit vom Jugendclub ihres Heimatorts Ibbenbüren bis auf die Main Stage bei Rock am Ring gerockt. Und das mit erstaunlich wenig Personalschwund. Schlagzeuger Eike 1995 und Alex 1996 waren die einzigen Wechsel im Lineup der Donots während der 19 Jahre andauernden Bandgeschichte.

Schwinger Club Vol. 4: Die Proteste der Fensterputzergewerkschaft gingen eindeutig zu weit
Die Proteste der Fensterputzergewerkschaft gingen eindeutig zu weit
Neun Studioalben wurden in dieser Zeit in die Plattenläden gestellt und nach quälend langen Unstimmigkeiten mit ihrer Plattenfirma Gun Records 2005 wurde ein eigenes Label gegründet, was eine neue Zeitrechnung für die Band einläutete.

2008 erschien mit "Stop The Clocks" die erste Single in Eigenregie und die neue Freiheit, unabhängig von großen Musikkonzernen, wirkte wie eine Frischzellenkur auf die Band. Sie bedeutete aber auch eine Menge Arbeit, schließlich musste nun jeder Handgriff selbst verrichtet werden. Tourplanung, Logistik und Vertrieb sind nur drei Zeitfresser, die Alex im Moment zum Gelegenheitsgolfer machen und Jan-Dirk immer wieder davon abhalten, nun endlich die Platzreife zu machen. Es sei denn, man zieht sich ins Studio zurück. Als 2011 am neuen Album gearbeitet wurde und keine Tour anstand, fand Alex die Zeit, richtig viel Golf zu spielen. "Im Sommer letztes Jahr habe ich jeden zweiten Tag Golf gespielt. Aber dieses Jahr ist der Kalender wieder voll." Im April 2012 erschien das aktuelle Album "Wake The Dogs" und seither sind die fünf auf den Festivals und in den Clubs dieser Republik unterwegs, um mit den Fans Abend für Abend eine gute Zeit zu haben.

Schwinger Club Vol. 4:
Als Vollzeitmusiker und Teilzeitgolfer hat Alex intime Einblicke in Welten, die vordergründig keine Schnittmenge haben. Doch es gibt sie, diese Gemeinsamkeiten, wie Alex immer wieder betont. "Man kann auf der Range stehen und jeden Ball gut treffen. Wenige Minuten später am ersten Abschlag kommt ein grottenschlechter Schlag um die Ecke und der Kurs ist gesetzt. Die ersten Löcher werden grauenhaft. Warum ist das so? Der Ball liegt auf dem Nippel wie vorher auf der Range auch. Trotzdem verkrampft man total!" Die Bezeichnung "Nippel" für das Tee ist uns bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht untergekommen und die Hoffnung steigt, dass nun noch mehr uns bislang unbekannte Links zwischen Golf und Sex, Drugs & Rock'n'Roll offenbart werden, doch Fehlanzeige. Es ist der psychologische Aspekt des Spiels, der es Alex angetan hat, und es sind die gleichen Phänomene, die er auch schon im Proberaum und im Studio beobachten konnte. "Diese Sache am ersten Abschlag kann man gut mit einer Studiosituation vergleichen. Man hat einen Song 100-mal zuvor geprobt, aber leuchtet das rote Aufnahmelämpchen, möchte man es noch ein klein wenig besser machen und schon geht irgendwas schief. Man ist unentspannt und das hört man. Das ist analog zum Golf."

In der Band hat niemand ein Problem mit dem Hobby der beiden, es sei denn, es stört den Frieden im Tourbus. "Es gab nur ein einziges Mal golfbezogenen Stress mit den Kollegen", erinnert sich Jan-Dirk. "Wir waren auf Tour in England und haben jede Minute im Tourbus "Tiger Woods PGA Tour" auf der PlayStation gespielt. Niemand konnte den Fernseher benutzen, weil wir ständig spielten. Das muss für die anderen eine grauenhaft langweilige Tour gewesen sein!"

"Im Nachhinein ärgere ich mich, dass wir in England nur PlayStation gespielt haben. Schließlich gibt es dort so geile Golfplätze!", bereut Alex die vertane Chance. Und er hat Recht. Das Vereinigte Königreich wäre das perfekte Ziel für den ersten Golfurlaub der beiden. Schließlich will dort nie irgendjemand eine Platzreife sehen und Ehrenmänner, die sich selbst Strafen auferlegen, werden im Land des Fairplay ohnehin auf Händen getragen.




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