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Schwinger Club Vol. 6

Sepp Maier

24.10.2012 | Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Rainer Dittrich & Getty Images/Central Press

Allzu viele Legenden haben wir in Deutschland nun wirklich nicht. Allein schon deshalb: herzlich willkommen im Schwinger Club, Sepp Maier!

Wir treffen uns mit einem der ganz Großen des Sports: Weltmeister, Europameister, je viermal deutscher Meister, deutscher Pokalsieger und Europapokalsieger. Weltpokalsieger. Eine lebende Legende. Die mir übrigens eine ganze Menge zu verdanken hat! Ich erinnere mich noch gut an den Schock, als mir mein Vater sagte, dass einer der Helden meiner Kindheit einen schlimmen Autounfall hatte. Also habe ich sein Bildchen aus meinem Bergmann-Sammelalbum (Panini gab es damals noch nicht) herausgenommen und es den ganzen Tag mit mir herumgetragen. In der Hoffnung, es möge ihm helfen. Und wie er mir jetzt im Golfclub Ebersberg vor den Toren Münchens so gegenübersitzt, darf man wohl behaupten: Der Plan hat funktioniert.

Sepp Maier merkt man sein Alter nicht an. Auf dem Golfplatz schon gar nicht. Sein Handicap ist zwar in letzter Zeit von 5,2 auf 6,4 abgeschwollen, Runden in den 70ern gelingen ihm alerdings gelegentlich immer noch. Wir sitzen im Clubrestaurant seines Heimatclubs und der 68-Jährige erzählt, hier und da unterbrochen durch ein freundliches "Grüaß Di!". Der Rekordtorhüter der deutschen Nationalelf (95 Länderspiele) ist heute noch sehr populär. Immer dabei: der Deutsch Stichelhaar Batzenhofer und seine silberne Schnupftabakdose. "Eigentlich woit i nie Golf spuin. ,Lass mi in Rua mit dem Schmarrn!', hob i immer gsogt." Damit auch die Nordlichter unter uns GolfPunks weiterlesen können, fahre ich ab sofort in Schriftdeutsch weiter. Sich den bayerischen Dialekt dazuzudenken dürfte nicht schwer fallen.

Schwinger Club Vol. 6:

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Eigentlich woit i nie Golf spuin. ,Lass mi in Rua mit dem Schmarrn!', hob i immer gsogt.
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1992 fuhr der damalige Torwarttrainer der Nationalmannschaft (1988 bis 2004) seine Tochter Alex regelmäßig zu ihren Reitstunden. Unweit des Reitstalls war eine Driving Range, auf der er sich die Wartezeit mit Bällekloppen vertrieb. Viele seiner Tennisfreunde waren bereits zum Golfsport übergelaufen und versuchten, den Maier Sepp ebenfalls davon zu überzeugen. In einer Bierlaune hat er dann dem Präsidenten des Golfclubs Altötting eine Turnierteilnahme zugesagt. "Es war am 10. Mai 1992, Muttertag. Es hat in Strömen geschüttet und der Präsident hat mich nach neun Löchern gefragt, ob ich aufhören wollte. ,Niemals!', habe ich gesagt und meine erste Golfrunde mit 118 Schlägen beendet." Er wurde sofort in den Club aufgenommen.

2008 beendete die "Katze von Anzing" nach 14 Jahren seine Tätigkeit als Torwarttrainer beim FC Bayern München. Mittlerweile spielt Sepp Maier jeden Tag Golf. Sofern er Zeit hat. Denn der dreimalige Fußballer des Jahres hat immer noch eine enorme Medienpräsenz, ist ein allseits beliebter Gesprächspartner. Schließlich gilt er als Spaßvogel. "Dabei bin ich eigentlich ein ernster Mensch. Aber wenn es gepasst hat, sind mir halt Gags eingefallen, die dann auch rausmussten." Das mit dem ernsten Menschen kaufe ich ihm spätestens bei seinen Erzählungen über sein schönstes Golferlebnis nicht mehr ab. Als er anlässlich der Deutsche Bank/SAP Open in St. Leon-Rot mit Lee Westwood, Sven Ottke und Dietmar Hopp das Pro-Am gespielt hat und Sven Ottke immer zu Ende spielen wollte, obwohl er nach sieben Schlägen noch meist irgendwo im Gemüse herumfuhrwerkte, während alle anderen schon zum Par eingelocht hatten und sie ihm immer zurufen mussten, dass er doch bitte aufnehmen und mit zum nächsten Abschlag kommen sollte. So wie Sepp Maier das erzählt, komme ich aus dem Lachen nicht mehr heraus.

"Golf ist mir sehr wichtig. Mir graut schon vor dem Winter." Deshalb fliegt er jedes Jahr kurz vor Weihnachten mit alten Fußball-Spezis wie Uli Hoeneß, Franz Roth, Oliver Kahn, Michael Tarnat oder Thorsten Fink nach Mallorca. 2012 geht es für den golfenden Promi-Männerclub erstmals an die Algarve. So kommt er dann doch auf rund 200 Runden im Jahr. Seine beste hat er in Ebersberg gespielt: Even Par. Längst aber ist die Verbissenheit von einst dem Spaß an der Freude gewichen. "Früher hat nur das Ergebnis gezählt. Ich habe geflucht und wusste nach der Runde nicht, wie die Gegend ausgesehen hat. Heute genieße ich das Spiel und die Landschaft." Ehrgeizig ist er aber immer noch. Für die Zukunft wünscht er sich, gesund zu bleiben - und mal wieder sein Handicap zu spielen. "Wenn ich mit meiner Frau spiele, darf ich nichts sagen. Die schimpft mich immer einen Golf-Gschaftler [übersetzt etwa: Wichtigtuer, Anm. d. Red.]."

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In seinem Heimatclub hat er dafür gesorgt, dass der Sechsloch-Platz auf neun Löcher ausgebaut wurde. "Unter der Bedingung, dass er öffentlich ist und jedermann spielen darf." Aber nicht nur in Ebersberg gibt es einen "Sepp-Maier-Golfplatz", auch in Berlin-Pankow. Ein richtig erwachsener 18-Loch-Kurs, natürlich ebenfalls öffentlich. Die Liebe zum Golf ist auch verantwortlich dafür, dass seine beiden anderen Leidenschaften Tennis und Skifahren nur noch auf Sparflamme köcheln, und wenn Golf im Fernsehen läuft, sitzt Sepp Maier vor der Glotze. "Wer sagt, Golf sei langweilig, hat doch einen Schuss." Beim Ryder Cup haben erstmals seit langem wieder seine Hände geschwitzt. "Ich hab immer gedacht: ,Das kann doch nicht möglich sein!'"

So eine Art eigenen Ryder Cup spielt er regelmäßig mit den Gofus. Zuletzt gab es den Länderkampf Deutschland gegen die Niederlande, 12 gegen 12. Da steht er dann mit den alten Recken Klaus Fischer, Rüdiger Abramczyk, Jürgen Grabowski oder Rainer Bonhof in ähnlicher Rivalität wie damals beim Fußball Wim van Hanegem, Piet Shrijvers, Rob Rensenbrink oder den Van-de-Kerkhof-Zwillingen auf dem Golfplatz gegenüber.

Wären einige Amerikaner nicht so knausrig gewesen, hätte Maiers Karriere durchaus noch länger dauern können. Sein alter Weggefährte Franz Beckenbauer kickte damals schon in New York, als die Bayern im Sommer 1979 ein Gastspiel bei Cosmos absolvierten. Maier hielt großartig und erhielt ein Angebot. "Da hätte ich im Jahr 50.000 Mark mehr verdient als in München. Dafür wollte ich nicht wechseln." Zwei Wochen später sorgte Aquaplaning für das Karriereende. Bei strömendem Regen flog er zwei Kilometer vor seinem Zuhause mit dem Auto von der Straße. "Damals hat mir Uli Hoeneß das Leben gerettet", erzählt er in Unwissenheit von meiner damaligen Sammelbild-Aktion und deren spirituellen Kräften. Der heutige Bayern-Präsident bestand gegen Maiers Willen auf eine Verlegung vom Ebersberger Kreiskrankenhaus in die Münchener Uniklinik. Dort erst wurden seine schweren inneren Verletzungen erkannt: Lungenriss, Zwerchfellriss, drei Liter Blut im Bauch - Notoperation. "Zwei Stunden später und ich wäre innerlich verblutet." Trotzdem war er im November wieder fit und wollte spielen. "Die EM 80 und die WM 82 wollte ich schon noch spielen. Dino Zoff stand bei den Italienern auch noch mit 40 Jahren im Tor. Aber Pál Csernai [damaliger Bayern-Trainer, Anm. d. Red.] stand nicht auf mich und wollte einen Jüngeren spielen lassen." Was bleibt, ist ein Rekord für die Ewigkeit: 442 Bundesliga-Spiele (von insgesamt 473) wird nie wieder ein Spieler in Folge absolvieren.




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