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Nachts 'ne Runde Golf spielen?

24.08.2017 | Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Mike Meyer

Nachts werden die Gefühle klarer, die Gedanken lauter und die Musik schöner. Und wie schaut es mit dem Golfschwung aus? Es wird Zeit, das herauszufinden.

Mein Freundes- und Bekanntenkreis wissen um meinen Golfwahnsinn. Dementsprechend bekomme ich manchmal irgendeinen Quatsch geschenkt. Hauptsache, er hat mit Golf zu tun. Vor vielen Jahren hat mir mal jemand einen Leuchtball geschenkt, der seither ein eher tristes Dasein in meiner Ballkiste im Keller führte. Kürzlich fiel er mir wieder in die Hände. Ich ließ ihn zu Boden fallen und er sprang mir wieder herrlich rot leuchtend und blinkend entgegen. In meinem Kopf beginnt sich etwas zu regen. "Warum habe ich den eigentlich noch nie gespielt? Warum habe ich eigentlich noch nie versucht, nachts zu golfen? Muss man mit der herrlichsten Sache der Welt tatsächlich aufhören, wenn die Sonne untergegangen ist? Das wollen wir doch erst mal sehen!"

Der Plan ist geboren: eine 18-Loch-Runde bei Nacht. Es muss natürlich ein Platz gespielt werden, den man in- und auswendig kennt. Keine 15 Kilometer vor meiner Haustür liegt der Golf & Country Club Velderhof in Pulheim vor den Toren Kölns, keine drei Drive-Längen entfernt vom renommierteren Nicklaus-Platz Gut Lärchenhof. Der Platz in Pulheim ist immer top gepflegt und ich habe ihn schon über 100-mal bezwungen, nicht selten mit weniger als 80 Schlägen. Mit anderen Worten: Ich kenne die Wiese wie meine Westentasche und ein Spruch wie "Den Platz könnte ich mit verbundenen Augen spielen!" ist mir in den letzten Jahren garantiert schon einmal über die Lippen gekommen. Warum also nicht stockdunkle Nacht die Aufgabe der Augenbinde übernehmen lassen? Hat dieses Unternehmen eine Chance? Welcher Score ist möglich?

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DAS IST NICHT DIE CHALLENGE, DIE ICH SUCHE, UND RENTERABSCHLÄGE WERDE ICH IN MEINEM LEBEN NIE BETRETEN.
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Als ich den Club-Verantwortlichen von meiner Idee erzähle, staune ich nicht schlecht, denn diese scheint ein alter Hut zu sein: "Wir haben bald Vollmond. Kommen Sie doch am Samstag zu unserem Nachtgolf-Turnier", lautet die Antwort. Klingt wie der perfekte Anschauungsunterricht für meine Nachtrunde, doch die Exkursion zum Nachtgolfturnier ist ernüchternd. Nett gemacht, zugegeben - und die Bierwagen und brennenden Ölfässer sind ein cooles Stylingdetail. Aber die Teilnehmer hier spielen über lediglich sechs Löcher und mit dramatisch verkürzten Abschlägen, die teilweise kurz vor Beginn des Fairways liegen. Fairway- und Grünränder sowie Flaggenstöcke sind mit Knick-Leuchtbändern markiert. Gespielt wird mit Bällen, die in der Mitte durchbohrt sind und in die man ebenfalls einen Knick-Stab als Leuchtmittel einführen muss. Es braucht nicht viel Fantasie, sich das Spiel- und Puttverhalten dieser Murmeln vorzustellen. Das Ganze ist ein amüsanter Spaß-Event ohne jeglichen sportlichen Anspruch. Ehrgeiz scheint hier fehl am Platz zu sein. Das ist nicht die Challenge, die ich suche, und Renterabschläge werde ich in meinem Leben nie betreten.

Ich möchte wissen, ob ich in stockdunkler Nacht mit richtigen Leuchtbällen vielleicht annähernd so gut wie am Tage spielen kann. Ist es vielleicht möglich, dass die fehlenden visuellen Reize die restlichen Sinne schärfen und mein Golfschwung sogar besser wird? Bei einer Runde Flutlichtgolf vor einigen Jahren in der Türkei habe ich die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass Hindernisse förmlich verschwinden, wenn mitten in der Nacht lediglich das Fairway im Neonlicht der Flutlichtmasten schimmert und sämtliche Wälder, Wasserhindernisse und teilweise sogar Bunker im umliegenden Schwarz der Nacht verschwinden.

Was ich mir vom Clubturnier abgeschaut habe, sind die fluoreszierenden Knick-Leuchtbänder an den Fahnenstöcken und im Loch. Die machen Sinn, denn wenn man beim Grünanspiel nur in ein schwarzes Loch blickt und ohnehin nur erahnen kann, wo das Grün ist, sollte man zumindest sehen können, wo auf dem Grün die Fahne steht, ebenso wie man bei langen Putts den Lochrand erkennen können muss. Sonst ist es keine faire Challenge, sondern ein Glücksspiel. Eine Taschenlampe oder eine Laterne ist natürlich erlaubt, um zu sehen, wohin man überhaupt läuft, und um die Puttlinie zu lesen. Beim Schlagen und Putten sind die Dinger selbstredend aus. Darüber hinaus erlaube ich mir keine weiteren Hilfsmittel, abgesehen von der Uhr am Handgelenk für die Entfernungen.

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Glücklicherweise bin ich nicht der einzige Wahnsinnige, wenn es ums Golfen geht. Mittlerweile habe ich mir einen stattlichen Kreis Gleichgesinnter aufgebaut. Einer von ihnen ist mein Buddy Frank, der kaum weniger Runden als ich auf diesem Golfplatz gespielt hat. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man die meisten Golfspieler nur schwerlich zu solch einer Aktion überreden kann, schließlich muss man praktisch durchmachen oder man kommt zumindest erst im Morgengrauen ins Bett. Bei Frank hatte ich noch nicht ausgesprochen, da kam schon: "Ich bin dabei! Wann und wo?" Und das, obwohl er im Gegensatz zu mir am nächsten Tag nicht ausschlafen kann, sondern den anstehenden Arbeitstag mit nur zwei Stunden Schlaf durchstehen muss. Das Date steht: "Mittwoch, 12. Juli, Golf & Country Club Velderhof, Tee off um Mitternacht."

Als Zwölfjähriger habe ich mich manchmal nachts, wenn meine Eltern geschlafen haben, aus dem Haus geschlichen, um mich auf der Straße mit einem Kumpel zu treffen. Einfach so. Das hatte was von Abenteuer. Einige Jahre später, als endlich der Führerschein in der Jeanstasche steckte, wurden die Kumpels dann zugunsten von Mädchen aus der Schule ersetzt, das Prinzip blieb aber dasselbe: Nachts ist einfach alles spannender. So ein bisschen wie damals fühlt sich die Vorfreude auf unsere Runde Nachtgolf an. Es hat den Ruch des Geheimnisvollen, des Abenteuers. So stehen wir dann um Mitternacht mit zwei Laternen am ersten Abschlag. Ein bisschen wie Matt Damon alias Rannulph Junuh in "Bagger Vance" bei seinem nächtlichen Golftraining auf der Suche nach dem natürlichen, seinem authentischen Schwung.

Unsere Vorbereitung ist weit weniger poetisch und beginnt mit der Auswahl des passenden Spielgeräts, denn es gibt mehrere Arten von Leuchtbällen, von denen jede ihre Vor- und Nachteile mit sich bringt. Bei unserem Match kommen zwei unterschiedliche Bauarten zum Einsatz. Zum einen "Flashballs", die nach dem Schlag für fünf Minuten rot blinken. Zum anderen "Lumi-Bälle", deren fluoreszierende Oberfläche genau wie die Zeiger vieler Armbanduhren leuchten, nachdem sie angeleuchtet wurden. Man muss diese Bälle während einer nächtlichen Runde also immer wieder mit der Taschenlampe "aufladen", damit sie grün leuchten. Wir beginnen mit den roten "Flashballs" und wechseln sie vor jedem Schlag, denn wenn sie mal aufhören zu blinken, stehen die Chancen, sie wiederzufinden, bei exakt null.

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Auf dem Platz um kurz nach Mitternacht ist diese Golferfahrung anders als alles, was ich bisher in diesem Sport er- und durchlebt habe. Die Spielbahnen sind nur schemenhaft zu erkennen. Aber der Anblick der leuchtend davonfliegenden Bälle ist grandios. Und wir treffen die Kugeln überraschend gut, müssen nie lange suchen und verlieren auf der gesamten Runde nicht einen Ball. Dennoch wird uns schnell klar, dass an einen normalen Score nicht zu denken ist. Die Bälle fliegen deutlich weniger weit und vor allem im kurzen Spiel sind sie sehr schwer zu kontrollieren, denn sie sind steinhart. Dazu kommt noch, dass es mit weniger als zehn Grad empfindlich kühl ist und die Grüns nach der Hitze des Tages richtig feucht geworden sind. So dauert es einige Löcher, einige zu kurz gelassene Annäherungen, Chips und Putts, bis man sich an all die eigenartigen Bedingungen gewöhnt hat. Ein Bogey ist ein Erfolg. Nach fünf Löchern stecken wir uns ein neues Ziel: unter 100 Schlägen bleiben! Das klingt nicht besonders heroisch, ist aber absolut ambitioniert. Und es macht einen Heidenspaß. Allein auf dem Platz. In totaler Dunkelheit. Diese Stille! Trotzdem kann man im Hintergrund ganz leicht die Geräusche der nahen Großstadt wie ein leises Raunen wahrnehmen. Das ist beinahe Poesie.

Nach neun Löchern hat Frank schon zweimal und ich immerhin ein Par gespielt. Dennoch liege ich 14, Frank 15 über Par. Wir müssen uns steigern, wenn wir die 100 knacken wollen. Dann passiert etwas Ärgerliches, was sich erst im Nachhinein als Segen herausstellen soll. Die "Flashballs" geben ihren Geist auf. Wir wechseln zu den grün leuchtenden "Lumi-Bällen", die wir vor jedem Schlag mithilfe der Taschenlampe aufs Neue zum Leuchten bringen. Und siehe da: Sie spielen sich deutlich besser. Sie sind zwar etwas weniger deutlich zu sehen, aber das Schlaggefühl kommt nahe an einen normalen Golfball heran und auch der Längenverlust erscheint minimal. Wer schlau ist, hätte so etwas selbstverständlich vorher, bei Tageslicht, versteht sich, einmal testen können; aber es soll ja auch Menschen geben, die lange bevor die Tankreserve-Anzeige im Auto schon seit 50 Kilometern aufleuchtet, nach einer Zapfsäule suchen. Wo bleibt denn da der Thrill?

Auf den Back Nine haben wir das Gefühl, richtig gutes Golf zu spielen. Allerdings erlebt jeder an einem anderen Loch in Form von neun Schlägen sein kleines Desaster, was das Ziel "unter 100" stark gefährdet. Es ist kurz vor halb vier, als wir am letzten Abschlag stehen. Beide mit jeweils 92 Schlägen auf der Scorekarte. Es muss also mindestens ein Doppelbogey auf dem abschließenden Par 5 her, um unser Ziel zu erreichen. Frank schlägt ins Rough, findet später noch einen Bunker und macht es verdammt spannend. Ich spiele ein Bogey, bin happy und fiebere bei seinem Putt zum Doppelbogey mit - der fällt! Mit 98 und 99 Schlägen auf dem Buckel genießen wir auf dem Parkplatz absolut beseelt ein wohlverdientes Bierchen unter dem Sternenhimmel. Wäre Frank eine Frau... aber lassen wir das. In der Retrospektive bin ich mir sicher, mit den Erfahrungen dieser Premiere (vor allem balltechnisch) beim nächsten Mal vielleicht noch den ein oder anderen Schlag einsparen zu können. Aber unter 90 ist definitiv nicht drin. Oder vielleicht doch?

Auf der Fahrt nach Hause schiebt sich das erste Tageslicht über den Horizont und ich muss daran denken, dass GolfPunk-Kollege Jan im vergangenen Jahr bis nach Norwegen auf die Lofoten reiste, um 24 Stunden Golf am Stück zu spielen, schließlich geht dort im Sommer die Sonne niemals unter. Ich muss grinsen, denn ganz offensichtlich hat er mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Es braucht kein Flugticket nach Norwegen, um den Golfspaß niemals enden zu lassen. Es braucht lediglich eine Taschenlampe.




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