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Bernd Wiesberger

Man spricht deutsch

21.06.2016 | Von Jan Langenbein, Fotos: Getty Images, Red Bull

Der Österreicher bringt nicht nur das beste Jahr seiner Karriere hinter sich, sondern zeigt den Kollegen Martin, Marcel und Maximilian mittlerweile die Heckleuchten. Nur beim Thema Fußball ist Wiesberger erschreckend ahnungslos.

Noch ziehen Kameramänner Kabel entlang der Fairways des Diamond Country Club vor den Toren Wiens, um am Wochenende jeden wichtigen Schlag optimal einfangen zu können, Caterer richten VIP-Zelte und Verpflegungsstände ein, damit kein Fan in den kommenden Tagen Durst oder Hunger leiden muss, und die Pros genießen auf ihren Proberunden die neue Freiheit auf der European Tour, nun bis Mittwoch auch in kurzen Hosen auf den Platz zu dürfen, denn es ist bereits um 10:30 Uhr mächtig heiß. Mit anderen Worten: ein ganz normaler Dienstag vor einem European Tour Turnier.

Für Bernd Wiesberger, der gerade noch mit zwei Nachwuchshoffnungen aus Österreich eine Proberunde schießt, sind die Lyoness Open in seiner Heimat jedoch etwas ganz anderes als eine normale Woche. Nicht nur kümmert sich Österreichs bester Golfer als Turnierbotschafter darum, möglichst viele Kollegen davon zu überzeugen, eine Woche vor der US Open in Wien an den Start zu gehen, zum anderen gewann Wiesberger 2012 hier sein Heimspiel und lochte dabei am 72. Loch einen spektakulären Putt aus über neun Metern vor einer ekstatischen Fanmenge.

Der Diamond Country Club in Atzenbrugg ist jedoch auch der Ort, an dem Bernd Wiesberger im vergangenen Jahr vor seinen heimischen Fans nach der ersten Runde eine desaströse 79 ins Clubhaus brachte, diese aber mit einer 67 am folgenden Tag sofort aus seinem System verbannte. Es sind diese auf den ersten Blick unspektakulären Wochen, die zeigen, wie erwachsen und erfahren der 30 Jahre alte Österreicher auf dem Golfplatz mittlerweile ist. "Solche Tage gibt es im Golf. Ich habe gleich während der nächsten Runde meine Schlüsse daraus gezogen und das Ganze abgehakt", erinnert er sich heute. Nur drei Wochen später gewann er die Open de France in Paris und verbesserte sich mit diesem bisher grössten Sieg seiner Karriere auf Rang 23 der Weltrangliste. So sieht die Antwort eines Champions aus.

Bernd Wiesberger: Bernd Wiesberger:

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FÜR MICH KOMMT BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN MEHR DER PATRIOTISMUS INS SPIEL ALS DIE WICHTIGKEIT DES OLYMPISCHEN TURNIERS.
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Die Sonne knallt derweil so unerbittlich vom Himmel, dass wir es vorziehen, mit einem kühlen Getränk im Schatten zu bleiben, und vor lauter Lethargie anfangen, die Weltrangliste zu studieren. Wir trauen unseren Augen kaum, doch dort steht es Schwarz auf Weiß: Bernd Wiesberger: Rang 47. Martin Kaymer: Rang 52. Wir haben also gleich ein Interview mit dem besten deutschsprachigen Spieler der Welt. Wer hätte das gedacht?

GP: Wie erklärst du es dir, dass du der derzeit beste deutschsprachige Golfer bist?
BW: Na ja, ich habe einfach die meisten Weltranglistenpunkte während der vergangenen beiden Jahre gesammelt. [grinst] Martin spielt in letzter Zeit allerdings auch wieder dementsprechend und holt auf. Ich hätte ehrlich gesagt aber gar nicht gewusst, dass ich im Moment der am höchsten gerankte deutschsprachige Golfer bin. Das ist keine Masseinheit, der ich große Bedeutung zuschiebe.

GP: Du bist hier bei deinem Heimturnier der unumstrittene Superstar. Es sind viele Nachwuchsspieler aus Österreich am Start. Hast du für diese Jungs schon eine Art Mentorenrolle übernommen?
BW: Ich habe gerade eine Neunloch-Trainingsrunde mit Bernard Neumayer und Moritz Mayrhauser. Die Jungs können wirklich Golf spielen und es ist meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit, wann es klick macht und sie zum Beispiel auf der Challenge Tour ein paar Turniere gewinnen können. Ich hatte diesen Moment 2010 auf der Challenge Tour. Man muss das Gewinnen auch erst lernen, um dann auf der großen Tour um den Sieg mitspielen zu können.

GP: Olympia steht vor der Tür und dein Startplatz für Österreich ist dir schon lange sicher. Haben die Olympischen Spielen in deinem persönlichen Ranking einen hohen Stellenwert?
BW: Wir sind im Golfsport sehr verwöhnt, denn wir haben eine Menge großartiger Turniere, besonders wenn man in der Top 50 der Weltrangliste steht und alle Major- und WGC-Turniere spielen kann. Für mich kommt bei den Olympischen Spielen mehr der Patriotismus ins Spiel als die Wichtigkeit des olympischen Turniers. Es ist eine andere Motivation, dass ich mein Land in Rio vertreten darf. Die Major-Turniere sind für mich in ihrer Wertigkeit mindestens genauso hoch. Keiner von uns ist bisher bei Olympia angetreten. Das ist Neuland für uns alle.

GP: Euer Tennis-Ass Dominic Thiem meinte vor Kurzem, ihm sei Olympia völlig egal. Kannst du das verstehen?
BW: Für mich war es nie eine Frage, ob ich spielen werde oder nicht. Ich habe mich früh dazu bekannt, für Österreich bei Olympia zu starten. Ganz ehrlich kann ich die zwei großen Gründe für eine Absage auch verstehen. Zum einen ist es der sehr intensive Zeitplan auf der Tour, der eine Reise nach Rio für manche tatsächlich schwierig macht, und dann sind da natürlich auch die gesundheitlichen Bedenken. Wir bekommen wöchentliche Updates, was das Zika-Virus angeht, jedoch habe ich das Gefühl, dass auch die Verantwortlichen noch nicht ganz genau wissen, wie sie es einordnen sollen.

GP: Hattest du schon eine Möglichkeit, dir den Platz in Rio anzuschauen?
BW: Nein. Der Aufwand, für eine Proberunde dorthin zu fliegen, wäre nicht in meinem Sinn gewesen. Ich habe meinen Flug vorverlegt, um bei der Eröffnungsfeier dabei zu sein. Ich werde also bereits am Freitag vor dem Turnier in Rio sein. Das entspricht zwar nicht meinem Rhythmus, hilft aber natürlich bei einem Platz, den ich noch nicht kenne. Es gibt also genügend Zeit für Proberunden. Man muss aber auch schauen, dass bei einer so frühen Anreise kein Lagerkoller entsteht. Aber an Abwechslung wird es in Rio sicher nicht fehlen und ich werde versuchen, einige Trainingseinheiten auf halbe Tage anzusetzen, um auch Wettkämpfe anderer Disziplinen besuchen zu können.

Bernd Wiesberger:
GP: Dass du sportlich bestens vorbereitet nach Rio de Janeiro reist, ist klar. Wie schaut es mit den staatsbürgerlichen Pflichten aus? Kannst du die österreichische Bundeshymne komplett auswendig?
BW: Sagen wir es so: Ich werde bei der Eröffnung dabei sein und deshalb werde ich mir für den ganzen Text während des Flugs nach Rio noch ein wenig Nachhilfe gönnen, damit ich dann auch sicher alle Strophen kann.

GP: Hast du die Lederhose, die für alle Athleten aus Österreich zur Ausrüstung gehört, schon bekommen?
BW: Nein, meine Ausstattung wird vor Ort passieren. Am Tag der Ausstattung hier in Österreich bin ich nicht im Land, deshalb wird meine komplette Ausstattung vom IOC direkt nach Rio gebracht.

GP: Wie findest du die Idee mit der Lederhose?
BW: Sehr gut! Es gefällt mir die Idee, Österreich-Flair mit nach Rio zu nehmen.

GP: Du hast dieses Jahr bereits acht Turniere in Amerika gespielt. Geht dein Fokus wegen der höheren Preisgelder und des einfacheren Reisens stark in Richtung PGA Tour?
BW: Wegen der höheren Preisgelder sicher nicht. Als die Turnierplanung für 2016 anfing, haben wir allerdings gesehen, dass der Turnierrhythmus auf der European Tour nach Dubai nicht optimal ist, besonders wenn man bei den WGC-Turnieren und beim Masters startberechtigt ist. Deshalb haben wir uns früh darum bemüht, dass ich um die WGC-Turniere und das Masters herum andere Events dort drüben spielen kann. Das war der Plan bis Wentworth. Ab dann kommen die großen Turniere in Europa und ich spiele weitestgehend hier. Die Players Championship war dieses Jahr der einzige Anlass, bei dem ich für ein einzelnes Turnier nach Amerika geflogen bin.

GP: Du bist ein Trainingstier. Gab es während deiner Zeit als Junior in Österreich Spieler, die dir im Hinblick auf das reine Talent überlegen waren und die du durch Trainingsfleiß überholt hast? Oder warst du immer schon der Talentierteste in Österreich?
BW: Ich würde es anders formulieren: Wir hatten Spieler während der Juniorenzeit, die mindestens genauso talentiert wie ich waren, wenn nicht talentierter, und das war ein extrem fruchtbarer Nährboden, denn man hat sich mit vier oder fünf anderen nicht nur um Turniersiege, sondern auch um Teilnahmen bei EM- oder WM-Teilnahmen gestritten. So entsteht der Biss, sich weiterentwickeln und sich im Vergleich mit den Leuten im eigenen Team als Bester profilieren zu wollen. Das war nicht nur für mich, sondern auch für die anderen eine Hilfe. Wir haben uns international mit einem Vizeeuropameistertitel bei der U18 und guten Ergebnissen bei der WM gut präsentiert. Auch wenn viele meiner damaligen Teamkollegen mittlerweile andere Wege eingeschlagen haben, bin ich davon überzeugt, dass diese Phase, als wir zwischen 16 und 18 Jahre alt waren, eine sehr gute für das österreichische Nachwuchsgolf war.

Bernd Wiesberger: Hauptsache Champagner: Eimersaufen mit Stil
Hauptsache Champagner: Eimersaufen mit Stil
GP: Wie steht es um deine Form im Moment? Kannst du Schulnoten für die einzelnen Aspekte deines Spiels geben?
BW: Zurzeit ist alles in einem soliden Zweier- bis Dreier-Bereich. Es gab in letzter Zeit Ausreißer in alle Richtungen. Vor Kurzem hatte ich zum Beispiel eine Phase, in der ich extrem gute Abschläge geschlagen habe. Vor einem wichtigen Turnier wie hier in meiner Heimat gilt es dann, die Gesamtform von einer Zwei bis Drei mindestens auf eine Eins bis Zwei zu bekommen. Ich fühle mich im Moment sehr wohl über dem Ball, konnte das aber in letzter Zeit nicht konstant auf die Scorekarte bringen. Diese Tage, an denen man nach der Runde denkt: "Das war heute eine glatte Fünf vom Tee oder auf dem Grün", muss ich minimieren ober besser komplett ausmerzen.

GP: Was braucht es denn als gestandener Profi, der bereits auf der Tour gewinnen konnte, dass es während einer Woche auch mal wie bei Danny Willett auf der allergrößten Bühne klappt? Spürt man so ein Wochenende kommen?
BW: Ich glaube, jeder Profi kann behaupten, dass er es im Gespür hat zu erkennen, welche Qualität das eigene Spiel gerade hat. Dazu kommt man ab und zu auf Plätze, auf denen man sich schlicht wohlfühlt und die Linie sieht. Dort steht man über dem Ball und denkt sich: "Ich kann hier eigentlich nichts falsch machen." Dagegen gibt es Plätze, auf denen man sich viel schwerer tut, sich richtig zu konzentrieren. Ich glaube, dass Danny der Platz in Augusta - wie mir übrigens auch - optisch sehr gut liegt. Natürlich muss man dann auch mit einem Spiel anreisen, das die Besten der Welt schlagen kann, aber man hat im Vorfeld häufig ein Gefühl, dass man hier und jetzt etwas reißen kann. Ich hatte das zum Beispiel in Paris. Dieser Platz taugt mir extrem gut, die Formkurve zeigte nach oben und dann muss man diesen Flow nur noch über die ganze Woche erhalten.

GP: Gibt es neben Augusta und Paris noch andere Anlagen, auf denen du dich ähnlich wohlfühlst?
BW: Ja, einige. Ich versuche auch, meinen Turnierkalender so gut wie möglich nach diesen Vorlieben auszurichten. Woran das im Einzelnen liegt, kann ich nicht genau sagen. Auf dem Platz hier in Atzenbrugg habe ich bereits gewonnen, hier kommt mir die Optik ebenfalls sehr entgegen. In Paris muss man in jedem Fall ein starkes Spiel mitbringen, um bestehen zu können, das fällt allerdings leichter, wenn einem der Platz derartig liegt, wie es bei mir der Fall ist.

GP: Martin Kaymer hat seinen Sieg bei der Open de France auf dem Le Golf National damals in einer Autobahnraststätte gefeiert. War deine Feier im vergangenen Jahr ähnlich glamourös?
BW: Es gab eine Gewitterunterbrechung, die den ganzen Zeitplan nach hinten geschoben hat. Eigentlich wollte ich am Sonntagabend noch nach Hause fliegen. Da wusste ich natürlich noch nicht, dass ich gewinnen würde. Ich bin dann eine Nacht länger geblieben und recht schnell im Flughafenhotel eingeschlafen. Die Woche nach meinem Sieg in Paris hatte ich Pause, es hat sich aber keine große Feier ergeben. Daheim haben wir natürlich mit einem Sprudelwasser angestoßen. Martin fährt nach Paris ja immer gerne mit dem Auto und hatte nach seinem Sieg mit Sicherheit auch noch eine lange Heimfahrt. Das mit der Autobahnraststätte kann ich also nachvollziehen.

GP: Unter die Top 50 der Weltrangliste zu kommen war immer dein großes Ziel. Das hast du längst erreicht. Gerade geht es wieder ein wenig rückwärts und du stehst auf Rang 47. Baut das Druck auf?
BW: Man muss Woche für Woche gute Ergebnisse einfahren, wenn man sich für das Ryder-Cup-Team qualifizieren will. Dennoch denke ich bei Turnierstarts nicht an die Möglichkeit, mich im Ryder-Cup-Ranking nach oben zu spielen, sondern wenn der Stichtag kommt und man hat gut genug gespielt, dann ist man qualifiziert. Wie auch in den vergangenen Jahren ist der Ryder Cup für mich kein Über-Thema, für das ich meine Saison bestreite, sondern ein möglicher Bonus für sehr gute Arbeit. Ich weiß, dass ich einen sehr großen Sommer brauche, um dabei zu sein. Wenn mir der gelingt, wäre es natürlich großartig, als Belohnung nach Hazeltine zu fahren.

 

STECKBRIEF

Alter: 30 Jahre
Geburtsort: Oberwart, Österreich
Profi seit: 2007
Letztes Handicap: +3,2
Lieblingsserien: "Entourage", "Suits"
Profisiege: 7
Erfolge:
2012 Ballantine's Championship (European Tour)
2012 Lyoness Open (European Tour)
2015 Open de France (European Tour)
Twitter: @BWiesberger
Instagram: berndwiesberger

GP: Österreich ist nicht gerade ein klassisches Golfland. Vergleicht man in solch einer Position seine eigene Karriere mit Athleten aus anderen Sportarten, in Österreich also mit den Superstars des Wintersports?
BW: Man kann die verschiedenen Sportarten nicht miteinander vergleichen. Gerade der Wintersport ist vollkommen konträr zu Golf. Diese Vergleiche bedeuten mir nicht viel. Ich bin stolz, dass wir mit Leuten wie zum Beispiel Marcel Hirscher sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen super Wintersportler in Österreich haben. Ich bin stolz, dass wir eine super Nationalmannschaft haben. Ich bin stolz, dass wir mit Dominic Thiem einen Tennisspieler haben, der letzte Woche noch im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers stand. Die Sport-Community in Österreich ist kleiner als in vielen anderen Ländern und zudem noch in Winter- und Sommersport gespalten. Trotzdem erhalte ich viele Messages von Wintersportlern und umgekehrt schicke ich auch immer viele Nachrichten an die Kollegen. Die Wertschätzung für einzelne Sportarten ist mir nicht so wichtig wie ein gutes Verhältnis zu den anderen Athleten.

GP: Wie sieht es bei dir mit Ausgleichssport aus? Fährst du viel Ski oder ist das Verletzungsrisiko zu groß?
BW: Ich fahre sehr gerne Ski, schaffe es jedoch aufgrund des Turnierkalenders nicht auf allzu viele Skitage im Jahr. Natürlich muss man aufpassen, was Verletzungen angeht, jedoch finde ich schon das richtige Mass. Man kann sich schließlich aus Angst vor Verletzungen nur zu Hause verstecken. Ich spiele auch gerne Basketball gegen meinen Bruder, doch das kommt momentan ebenfalls etwas kurz.

GP: Auf wie viele Skitage kommst du im Jahr?
BW: Letztes Jahr waren es gerade mal zweieinhalb. Das ist natürlich viel zu wenig.

GP: Wer wird Fußball-Europameister?
BW: Österreich natürlich. Das Finale gegen Deutschland geht 3:0 aus.




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