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Golfpunks dieser Welt

Billy Casper

06.09.2017 | Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images

Ein himmlischer Putter, Büffelfleisch und der höchste Masters-Score aller Zeiten - Bühne auf für Billy Casper, den Schatten von Arnie, Jack und Gary!

Nach seiner ersten Runde mit Billy Casper platzte Ben Hogan der Kragen. "Wenn du nicht so gut putten könntest, würdest du mir am Halfway House Hot Dogs verkaufen", ätzte er gegen seinen Spielpartner, der ihn gerade in Grund und Boden gelocht hatte. Bis zu den Grüns war das Spiel des Kaliforniers an Langeweile kaum zu überbieten: Casper war kurz, unspektakulär und versuchte, möglichst wenig aus der Masse hervorzustechen. Aber kaum durfte er den Putter rausholen, wurde er zu einer Mischung aus Jordan Spieth, Brandt Snedeker und Tiger Woods. Und dennoch erhielt Billy Casper nie die Aufmerksamkeit, die er verdient gehabt hätte, "Vielleicht lag es daran, dass er mit seiner Konstanz den Zuschauer eingelullt hat. Vielleicht hat er das Spiel auch zu einfach aussehen lassen - besonders auf den Grüns, wo alles innerhalb von drei Metern ein Gimme war", schrieben Jack Nicklaus, Gary Player und Arnold Palmer im Vorwort zu Caspers Autobiografie "The Big Three and Me".

Die Großen Drei sind der Hauptgrund, warum sich die Golfwelt heute kaum an Casper erinnert. Zwischen 1956 und 1973, Billy Caspers Karrierehöhepunkt, gewann Jack Nicklaus zwölf Major-Turniere und 40 weitere PGA-Tour-Events. Palmer fuhr sieben Majors und 54 PGA-Tour-Turniere ein und Gary Player gewann zwar nur 18-mal in den USA, davon aber sechsmal bei den großen vieren. In der gleichen Zeit sicherte sich Billy Casper 50 PGA-Tour-Erfolge, darunter 1959 und 1966 die US Open und 1970 das Masters. Wie also kann es sein, dass sich heute kaum jemand an einen Spieler erinnert, der die siebtmeisten Siege auf der PGA Tour eingefahren hat? Der an acht Ryder Cups in Folge teilnahm und bis heute den Rekord im amerikanischen Team für die meisten gewonnenen Punkte hält? Ganz einfach: Marketing.

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AUF DEM HÖHEPUNKT SEINES SCHAFFENS BEKAM CASPER MEHR AUFMERKSAMKEIT FÜR SEINE ALLERGIEN, SEINE KONVERTIERUNG ZUM MORMOMENTUM, SEINE ELF KINDER UND SEINE UNGEWÖHNLICHE DIÄT.
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Denn Player, Palmer und Nicklaus teilten nicht nur die großen Erfolge auf den Fairways dieser Welt, sie teilten sich auch einen Manager: Mark McCormack. Der Gründer der legendären Sportagentur International Management Group legte mit Golf den Grundstein für sein Millionen-Imperium. 1958 nahm McCormack als ersten Klienten Arnold Palmer unter Vertrag. Kurz darauf hatte fast jeder Spitzengolfer einen Vertrag mit McCormack: Gene Littler, Julius Boros und auch Billy Casper unterschrieben fast zeitgleich mit Palmer. 1962 kam Jung-Profi Jack Nicklaus in den Stall und kurz darauf der Südafrikaner Gary Player. Für Casper zu viel: "Ich hatte das Gefühl, ich wäre mit einer persönlichen Repräsentation besser dran. Und als Marks Partner Richard Taylor die eigene Agentur gründete, ging ich mit ihm", schreibt Casper in seiner Biografie. Caspers Jerry-Maguire-Moment erwies sich als größter Fehler seiner Karriere. Während McCormack jeden Sieg seiner Big Three mit unglaublichem Marketing-Buzz monetarisierte, blieben Casper für seine Erfolge nur die Brotkrumen. Hätte Casper nicht das Pferd gewechselt, würde die Welt heute vermutlich auf die Fab Four statt auf die Big Three zurückblicken.

Selbst von der World Golf Hall of Fame wurde Casper jahrelang ignoriert. Während Nicklaus, Palmer und Player gleich bei der Eröffnung aufgenommen wurden, musste Billy Casper vier Jahre lang warten, bis ihm die Ehre zuteilwurde - und mitansehen, wie vor ihm Spieler wie Tommy Armour (3 Majors, 25 PGA-Tour-Siege) einzogen und mit ihm ein Entertainer (Bing Crosby) und ein Funktionär (Clifford Roberts) geehrt wurden. Dass die Hall of Fame dazu schrieb: "Auf dem Höhepunkt seines Schaffens bekam Casper mehr Aufmerksamkeit für seine Allergien, seine Konvertierung zum Mormonentum, seine elf Kinder und seine ungewöhnliche Diät", wirkte wie blanker Hohn.

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Willam Earl Casper jr. erblickte am 26. Juni 1931 in San Diego das Licht der Welt, bevor seine Eltern mit ihm nach New Mexico zogen. Mit vier Jahren drückte ihm sein Vater einen Golfschläger in die Hand und mähte drei improvisierte Löcher in eine Wiese - die Saat für die Karriere war gelegt. Zurück in seiner Geburtsstadt arbeitete Casper gemeinsam mit dem späteren US-Open-Sieger Gene Littler und LPGA-Tour-Legende Mickey Wright als Caddie im San Diego Country Club. Kaum war die Sonne untergegangen, nahm er sich ein Eisen 7 und seinen Putter und trainierte wie ein Besessener. Dadurch wurde er so gut, dass "Phil Mickelsons kurzes Spiel gegen ihn wie das eines Kind wirkt", wie Wright es formulierte.

Nachdem er im Koreakrieg bei der US Navy gedient hatte, qualifizierte sich Casper 1954 für die PGA Tour. Bereits 1956 fuhr er bei der Labatt Open seinen ersten Sieg ein. Bis 1971 sollte jährlich mindestens einer dazukommen - eine Leistung, die bis heute nur Arnold Palmer und Jack Nicklaus vorweisen können. Es war zu dieser Zeit, dass Casper erstmals einen Spitznamen erhielt, der ihm gefiel: "der Gorilla". Sein Leben lang hatten ihm Freunde aufgrund seiner unvorteilhaften Körperform den Spitznamen "Fatso" verpasst. Bis Tour-Kollege Bo Wininger fand, dass Caspers flache Drives nach dem Aufkommen sprangen wie ein Gorilla auf der Flucht. Doch so wie Howard Wolowitz aus "Big Bang Theory" von seinen Astronautenkollegen statt "Rocket Man" am Ende doch "Fruchtzwerg" genannt wurde, wich auch Caspers "Gorilla" sehr schnell einem anderen Spitznamen: "Buffalo Bill".

Was im ersten Moment wie ein Kompliment klingt, schließlich war der echte Buffalo Bill eine Show-Business-Legende, war bei genauerem Hinsehen eine fiese Spitze gegen Caspers Essgewohnheiten. Jahrelang litt er unter Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, was auch seine Gewichtsprobleme erklärte. Um diese zu bekämpfen, setzte ihn ein Spezialist auf eine ganz spezielle, organische Diät. Von nun an standen auf Caspers Speiseplan Elch, Lachs, Kaninchen, Bär, Nilpferd - und Büffelfleisch. Casper nahm 30 Kilo ab und war von nun an nur noch "Buffalo Bill". Ein Schicksal, das er lernte zu akzeptieren - am Ende zierte ein Büffel das Logo seiner Billy Casper Golf Company, die über 140 Plätze in den USA leitet.

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Doch es gab einen Platz, den er noch mehr liebte als seine eigenen: Augusta National. 1963 besiegte er dort ausgerechnet seinen Jugendfreund Gene Littler im Playoff und sicherte sich ein lebenslanges Startrecht. Und kaum einer kostete es aus wie er: Bis ins hohe Alter war Casper ein Inventarstück auf der Veranda des Clubhauses, wo er sich stets ein üppiges Mittagessen gönnte. Niemand freute sich mehr als der jüngst verstorbene Club-Chairman Hootie Johnson darüber, ihn dort statt auf dem Platz zu sehen. 2001 schickte Johnson einen dreisten Brief an Casper und einige weitere Senioren: "Ihre jüngsten Ergebnisse sind nicht für eine aktive Teilnahme geeignet und im Geiste unserer Gründer finden wir, dass das Masters 2001 Ihr Letztes als Spieler gewesen sein sollte."

Casper stimmte zu, doch als seine elf Kinder und 71 Enkel ihn beknieten, noch einmal anzutreten, widersetzte er sich 2005 der Anweisung und spielte eine Runde, die in die Geschichtsbücher einging. An der 10 gestartet, lag er 8 über Par, als er an Bahn 16 kam. Erst den sechsten Ball brachte er trocken an Land und erzielte mit einer 14 den höchsten Score der Masters-Historie. Als er nach neun Löchern mit einer 57 aufs Clubhaus zusteuerte, dachten alle, er würde aufgeben. Doch Casper wollte nur einem Stau an Loch 1 abwarten und ruhte sich aus. Als es weiterging, sagte er trocken zu den Journalisten: "Ich hoffe, die Pause zerstört nicht meinen Lauf." Sie tat es nicht. Mit einer 106 hatte Casper den alten Negativrekord von Amateur Charles Kunkle um elf Schläge überboten. Doch in den offiziellen Ergebnislisten steht sie nicht. Casper gab seine Scorekarte nicht ab. "Ich habe sie hier in meiner Tasche und werde sie mir zu Hause einrahmen", erklärte er anschließend schelmisch.

Caspers Ruf war diese Runde nicht abträglich. "Billy war ein Killer auf dem Golfplatz", sagte Dave Marr nach Caspers Tod am 07. Februar 2015. "Er hatte das beste Paar Hände, das Gott jemals einem Menschen gegeben hat", zollte Johnny Miller ehrfürchtig Respekt. Und der große Byron Nelson sagte 1970 Journalisten: "Wenn ich jemanden auswählen sollte, eine Runde Golf zu spielen, von der mein Leben abhängt, würde ich Billy Casper wählen." Ein Lob, das sich durch Fakten belegen lässt. Jeden elften Start seiner Karriere beendete Casper mit einem Sieg. Nur Jack Nicklaus und Tiger Woods haben eine bessere Quote. In fünf Saisons hatte "Buffalo Bill" den niedrigsten Rundenschnitt auf der PGA Tour - eine Marke, die erst Woods übertreffen sollte. Und als Casper 1959 die US Open in Winged Foot gewann, brauchte er an 31 seiner 72 Löcher nur einen Putt. Solche Rekorde sorgten selbst beim großen Ben Hogan für Respekt. Am Morgen, nachdem er Casper eine Alternativkarriere als Hot-Dog-Verkäufer nahegelegt hatte, schlich sich Hogan auf dem Putting-Grün an ihn heran, stellte sicher, dass niemand in Hörweite war, und flüsterte Casper ins Ohr: "Billy, verrätst du mir, wie du puttest?"




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