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Justin Leonard

Der hat 'nen Bart!

02.08.2016 | Von Jan Langenbein, Fotos: Getty Images

Justin Leonard hat zwölfmal auf der PGA Tour gewonnen, Justin Leonard hat die Open Championship 1997 in Royal Troon gewonnen und Justin Leonard hat den Putt beim Ryder Cup 1999 gelocht. Für uns ist das ein wenig, als würden wir mit Geoff Hurst über das Wembley-Tor sprechen.

Justin Leonard 2016 sieht anders aus als Justin Leonard 1997. Der Open-Sieger von vor 19 Jahren ist mit seiner Familie gerade erst von seiner Heimatstadt Dallas in ein kleines Bergdorf in den Rocky Mountains gezogen und trägt nun Gesichtsbehaarung, für die er in Texas wohl ernsthafte Schwierigkeiten bekommen würde. Doch hier in Royal Troon ist für den Amerikaner alles eine Wolke. Im Clubhaus hängt sein Bild mit einer hübsch gravierten Plakette darunter, auf der Anlage beglückwünschen ihn die Schotten immer noch zu seinem Open-Titel von vor zwei Dekaden und dann kreuzt auch noch ein Interviewer aus Deutschland seinen Weg, der über den wohl aufregendsten Moment seiner Profikarriere sprechen möchte.

GP: Es gab da diesen Putt auf dem 17. Grün in Brookline beim Ryder Cup 1999. Du weißt schon: der Putt, der Amerika ins Delirium und Europa in die Depression gestürzt hat...
JL: [lacht] Ja, ich erinnere mich.

GP: Wie genau hast du diesen Moment noch vor Augen? Kannst du dich noch daran erinnern, wie der Ball ins Loch fiel, oder ist das alles im Jubel untergegangen?
JL: Oh ja! Der Putt wird immer noch, wenn ein Ryder Cup ansteht, regelmäßig im Fernsehen gezeigt. Die Bilder werden also immer wieder aufgefrischt. [grinst]

GP: Würdest du sagen, das war der beste Putt, den du jemals in einer bedeutenden Situation gespielt hast?
JL: Ja, das muss dieser Putt beim Ryder Cup 1999 gewesen sein. Ich habe auch ein paar wirklich gute Putts bei meinem Open-Sieg 1997 hier in Troon gespielt, wenn ich aber einen einzigen Putt auswählen soll, den ich mit Sicherheit nie vergessen werde, dann war es der in Brookline.

nie vergessen werde, dann war es der in Brookline. GP: Wenn du eine richtig gute Puttrunde spielst, wie viel von diesem Erfolg schiebst du auf die Technik und wie viel davon hat psychologische Gründe?
JL: Nun, eine gute Puttrunde muss nicht unbedingt bedeuten, dass man besonders viele Putts aus fünf oder sechs Metern gelocht hat. Manchmal kommt es viel mehr auf die Putts an, die es braucht, um eine Runde am Laufen zu halten. Das kann ein Zweieinhalbmeter-Putt zum Par sein. Diese Situationen sind oft extrem wichtig, um das Momentum auf seiner Seite zu behalten. Ich definiere eine gute Puttrunde so, dass mir aus allen Situationen Zwei-Putts gelungen sind und ich die wirklich wichtigen Putts aus zwei bis drei Metern gelocht habe. Technisch ändert sich zwischen einer guten und einer schlechten Puttrunde meiner Meinung nach nicht viel. Es kommt auf die kritischen Situationen an.

GP: Was ist deine Meinung zu Putt-Statistiken und gibt es eine Statistik, der du besondere Aufmerksamkeit widmest?
JL: Ich schenke Statistiken nicht wirklich viel Aufmerksamkeit. Ich denke, dass "Strokes Gained Putting", das in den letzten Jahren populär geworden ist, eine gute Möglichkeit ist, die eigene Leistung auf den Grüns mit dem Rest des Feldes zu vergleichen. "Putts per Round" kann sehr irreführend sein: Wenn man nicht gut spielt und viele Grüns verfehlt, die Chips dann aber immer nah ans Loch spielt, kommt man mit 26 bis 28 Putts ins Clubhaus und denkt: "Ich habe heute wirklich gut geputtet!", obwohl sich das nicht wirklich untermauern lässt.

GP: 2014 warst du am Ende der Saison Neunter in der "Strokes Gained Putting"-Rangliste, ein deutlich besseres Ergebnis als in den Jahren zuvor. Gab's dafür einen speziellen Grund?
JL: [lacht] Tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Daran siehst du, dass ich nicht wirklich ein Statistikguru bin. Ich war schon immer ein Gefühlspieler und habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wann ich gut putte und wann nicht. Die Sache ist nämlich die: Wenn man gut puttet, dann wird auch automatisch alles andere im Spiel spürbar einfacher.

Justin Leonard:

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ICH DEFINIERE EINE GUTE PUTTRUNDE SO, DASS MIR AUS ALLEN SITUATIONEN ZWEI-PUTTS GELUNGEN SIND UND ICH DIE WIRKLICH WICHTIGEN PUTTS AUS ZWEI BIS DREI METERN GELOCHT HABE.
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GP: Wie spürst du, dass du gut puttest? Ist das eine körperliche Sache?
JL: Das hat hauptsächlich mit dem Selbstbewusstsein zu tun. Es gibt Runden, da stellt man sich über einen Putt und man weiß genau, dass er fallen wird. Wenn ich gut putte, dann denke ich nicht über die mechanischen Bewegungsabläufe nach. Ich versuche lediglich, den Putt und das Break zu lesen und den Ball dann an einen Punkt zu putten, den ich mir kurz zuvor ausgeguckt habe.

GP: Ich habe irgendwo gelesen, dass du deinen Ball so auf dem Grün platzierst, dass du darauf nichts als weisse Dimples sehen kannst. Ist das wahr?
JL: Ja, das stimmt. Ich benutze keine Linie oder etwas Ähnliches auf dem Ball. Ich möchte nach unten schauen und nichts als eine weiße Leinwand sehen. [lacht]

GP: Kannst du den Ball und die beabsichtigte Puttlinie so besser fokussieren?
JL: Im Gegenteil! Ich möchte erreichen, dass ich mich auf nichts im Speziellen fokussiere. Ich bevorzuge einen soften Fokus, wenn ich auf den Ball schaue. Natürlich habe ich ihn im Blick, aber eben keinen definierten Punkt. Von hier an kann dann mein Muskelgedächtnis übernehmen. Ich vertraue darauf, dass ich das Break richtig gelesen habe, und spiele den Ball an den vorher festgelegten Punkt. Vertrauen in die eigene Vorarbeit ist beim Putten unglaublich wichtig.

GP: Das ist wirklich ungewöhnlich, wenn man sieht, wie viele deiner Kollegen mit ausgeklügelten Zielsystemen arbeiten. Hast du schon immer ohne Linie auf dem Ball geputtet oder hat sich das im Laufe deiner Karriere dazu entwickelt?
JL: Nein, das habe ich schon immer so gehandhabt. Ich wollte noch nie einen Schriftzug, eine Nummer oder sogar eine Linie auf dem Ball sehen, wenn ich über einem Putt stehe. Es kann nämlich sein, dass man, kurz bevor man den Putter tatsächlich bewegt, irgendetwas in den Füssen spürt, das einem zum Beispiel sagt: "Du musst diesen Putt mit ein wenig mehr Break spielen." Dann möchte ich über dem Ball noch die Freiheit haben, diese letzten Eindrücke in meinen Putt einfließen zu lassen. Eine Linie auf dem Ball legt die Spielrichtung genau fest. Das ist mir zu rigoros.

GP: Hattest du als Rookie auf der Tour einen Mentor, was das Putten angeht?
JL: Es gab keinen richtigen Mentor, aber natürlich eine Menge Jungs, deren Putting ich mir regelmäßig angeschaut habe. Wenn Ben Crenshaw irgendwo auf dem PuttingGrün trainierte, dann habe ich immer zugeschaut. Nicht um seine Puttbewegung nachzuahmen, denn ich denke, das ist unmöglich, sondern um zu sehen, wie der Ball von der Schlagfläche des Putters losrollt. Brad Faxon habe ich ebenfalls oft beobachtet. Heute ist es Steve Stricker, ein guter Freund von mir, dem ich gerne dabei zusehe, wie der Ball und seine Schlagfläche interagieren. Diese drei Jungs putten extrem unterschiedlich, ihr Roll kurz nach dem Treffmoment ist allerdings der Gleiche: Da gibt es kein Hüpfen und kein Springen. Das sind die Putt-Typen, die ich mir immer gerne anschaue.

GP: Manche Turniere versuchen als Reaktion auf die mittlerweile unglaublichen Drive-Längen, mit immer schnelleren Grüns zu antworten. Wir haben gerade bei den US Open gesehen, wozu das führen kann. Ist es für Profis tatsächlich schwieriger, auf schnellen Grüns zu putten?
JL: Wir sind an diese Grüngeschwindigkeiten mittlerweile gewöhnt. Auf einigen Plätzen wie zum Beispiel in Oakmont braucht es ein wenig Gewöhnungszeit. Das gilt aber auch für Turniere wie die Open Championship, bei der die Grüngeschwindigkeiten mit Werten zwischen 9 und 10 auf dem Stimpmeter recht langsam sind. Es war interessant zu sehen, wie viele Putts in Royal Troon kurz gelassen wurden. An derart langsame Grüns sind wir nicht gewöhnt. In diesem Fall allerdings sind die langsameren Grüns wegen des Winds und wegen der starken Konturen notwendig. Als Faustregel kann man meiner Meinung nach sagen: Schnellere Grüns kommen guten Puttern entgegen.

GP: Hast du so was wie eine Lieblingsgeschwindigkeit?
JL: Abgesehen davon, dass ich schnelle Grüns bevorzuge, nicht wirklich. Auf schnellen Grüns braucht es nicht so viel Bewegung im Schlägerkopf, um den gewünschten Roll zu erzeugen, und auch das Lesen der Grüns wird sehr viel wichtiger.

GP: Hast du eine spezielle Technik, wenn es ans Lesen der Grüns geht? Ich habe das Gefühl, dass hier die grössten Unterschiede zwischen Profis und Amateuren liegen.
JL: Stimmt, aus dem Lesen der Grüns hat sich mittlerweile eine echte Wissenschaft entwickelt mit all den topografischen Karten und Tabellen. Ich nutze nichts davon. Ich war schon immer mehr ein Gefühlspieler. Das Grünlesen fängt für mich schon beim Schlag ins Grün an, denn ich versuche, den Ball immer unterhalb des Lochs zu platzieren, sodass ich dann beim Lesen vom Ball in Richtung Loch nach oben schauen kann. Das macht die Sache deutlich einfacher. Bergab zu putten liegt keinem Profi. Wenn ich einen ViermeterPutt habe, der bergab verläuft, dann möchte ich auf jeden Fall, dass er danach hinter dem Loch liegt, sollte er nicht gefallen sein. Der nächste Putt sollte auf keinen Fall noch einmal bergab verlaufen.

GP: Wie sieht es in deiner Garage aus? Wie viele Putter besitzt du und wie viele davon hast du bereits bei Turnieren eingesetzt?
JL: Wir sind im vergangenen Jahr umgezogen, was dazu geführt hat, dass ich meine Garage recht drastisch ausgemistet habe. Im Moment habe ich etwa 15 Putter zu Hause, von denen acht bis zehn bereits auf der Tour zum Einsatz gekommen sind.

GP: Passieren Putter-Wechsel spontan oder gibt es ein richtiges Prozedere?
JL: Ich habe zum Beispiel vor zwei Monaten einen neuen Putter bei Scotty Cameron abgeholt. Der Schlägerkopf hat mir sehr gut gefallen, das Hosel entsprach aber nicht genau meinen Wünschen. Ich habe einen der Scotty-Ingenieure gefragt, ob sie das Hosel ändern könnten, und sie meinten: "Kein Problem, aber das dauert zwei Wochen." Ich habe den neuen Putter mit dem falschen Hosel trotzdem ins Bag genommen, bis der zweite fertig war. Was die Spieleigenschaften anging, gab es keinen Unterschied zwischen den beiden Schlägern, es ging lediglich um die Optik. Das neue Hosel sah für meine Augen in der Ansprechposition einfach viel besser aus. Auch das kann ein Kriterium für einen Putter-Wechsel sein.

GP: Das Video von Ernie Els' Sechs-Putt beim Masters in diesem Jahr ging viral. Kannst du dich an deine höchste Anzahl von Putts auf einem Grün erinnern oder verdrängst du solche Desaster?
JL: Ich bin mir sicher, dass ich bisher den ein oder anderen Vier-Putt hatte, aber ich kann mich nicht daran erinnern, wann und wo so etwas einmal passiert ist. Manchmal ist es gut, nur über ein Kurzzeitgedächtnis zu verfügen. [lacht]




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