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Marcel Siem

Ringe unter den Augen?

16.06.2016 | Von Jan Langenbein, Fotos: Mike Meyer

Olympia steht vor der Tür und Marcel Siem steckt im Rennen um den Platz an Martin Kaymers Seite. Schlaflose Nächte löst die Chance auf ein Ticket nach Rio allerdings nicht aus.

GP: Lass uns über Olympia sprechen!
MS: Alles klar. Aber eigentlich wäre Martin da der bessere Ansprechpartner für euch, denn er ist total heiß auf Rio. Und er ist sicher qualifiziert.

GP: Ist das Stress oder Vorfreude, wenn ein nicht alljährliches Event wie die Olympischen Spiele auf dem Kalender steht?
MS: Zwischen Alex und mir läuft ja gerade ein Fernduell und deshalb weiß ich nicht, ob ich überhaupt dabei bin. In Interviews werde ich jetzt vor Olympia ständig darauf angesprochen, ob ich nun dabei sein werde oder nicht. Das ist spürbar anders als bei Majors zum Beispiel. Durch Olympia haben wir nun auch die Dopingtests, bei denen wir jeden Tag angeben müssen, wo wir uns befinden. Wenn sich etwas ändert, muss man es beim ADAMS [Anti-Doping Administration and Management System der World Anti-Doping Agency; Anm. d. Red.] im Internet angeben. Das ist für einen Familienvater auf jeden Fall Stress, denn jeden spontanen Ausflug mit den Kindern muss man dort eintragen. Deshalb ist es, weil ich noch nicht qualifiziert bin, mehr Stress als Vorfreude. Denn ich kann mich nicht darauf vorbereiten und muss vorsichtig sein, dass die generelle Saisonvorbereitung nicht darunter leidet. Aber sollte ich es schaffen, wäre es natürlich eine große Ehre, für Deutschland an den Start zu gehen, und ich würde auch alles geben, um eine Medaille abzusahnen.

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ICH WÜRDE NICHT NACH BRASILIEN FLIEGEN, UM IM OLYMPISCHEN DORF EINEN DRAUFZUMACHEN, SONDERN WÜRDE VOR ORT MEINE NORMALE ROUTINE DURCHZIEHEN.
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GP: Hat Olympia eine Rolle gespielt, als du die Saison 2016 geplant hast?
MS: Ich habe seit vergangenem November einen neuen Trainer und arbeite mit ihm an einer Technikumstellung. Das hatte für mich Vorrang. Mein großes Ziel ist es, 2018 beim Ryder Cup in Paris dabei zu sein. Dieses Jahr noch in die Top 50 der Welt zu kommen und irgendwann ein Major gewinnen - das sind meine Ziele. Olympia? Ich habe keinen Schimmer, wie der Flair dort sein wird. Vielleicht vertue ich mich ja und man kommt dorthin und es ist unfassbar großartig. Wie wird die Stimmung, wie groß ist der Druck? Ich kann mir das im Moment noch nicht so richtig vorstellen, weil die News aus Rio auch nicht gerade die besten sind. Viele Sportler sagen ab, weil sie gesundheitliche Bedenken haben. Wenn Golf vor vier Jahren in London wieder olympisch geworden wäre, das wäre sensationell gewesen.

GP: Angenommen, du bist dabei: Würdest du im olympischen Dorf wohnen oder im Hotel?
MS: [lange Pause und Grinsen] Ich habe schon ein Hotel gebucht. Ganz ehrlich: Ich habe schon von vielen anderen Sportlern gehört, dass die Olympischen Spiele eine riesige Party sind. Es geht nicht so extrem ernst zu, wie viele glauben. Da wird viel getrunken, Feten werden geschmissen, die Leute hauen auf die Sahne und haben Spaß miteinander. Für mich würde das keinen Sinn machen. Ich würde nicht nach Brasilien fliegen, um im olympischen Dorf einen draufzumachen, sondern würde vor Ort meine normale Routine durchziehen.

GP: Hast du mit Alex schon über den momentanen Zweikampf gesprochen?
MS: Als wir uns vor Kurzem in Florida getroffen haben, war das kein Thema. Ich glaube, Alex ist jemand, der richtig Bock auf Olympia hat und darum kämpft. Wir sind sehr gut befreundet, gehen zusammen fischen, ins Kasino oder zum Abendessen und deshalb gönne ich es ihm natürlich, sollte er es schaffen. Man wünscht sich in solch einer Situation keine schlechten Ergebnisse für den anderen. Wenn ich nicht gut genug spiele, um an ihm vorbeizuziehen, habe ich es ohnehin nicht verdient, nach Rio zu fliegen. Der World Cup Ende des Jahres ist für mich das große Thema. Ich würde extrem gerne mal mit Martin bei diesem Turnier antreten. Einmal musste Martin absagen und ich bin mit Max Kieffer an den Start gegangen. Die anderen Male hat mich Alex kurz vorher überholt. Sollte das noch mal passieren, würde mich das viel mehr ärgern als bei der Olympia-Qualifikation.

GP: Was wären die Disziplinen oder Athleten, die du in Rio unbedingt sehen wolltest?
MS: Im Fußball ist die U23 bei Olympia am Start. Das würde ich mir auf jeden Fall anschauen. Leichtathletik gefällt mir sehr gut. Weitsprung, Sprint und Hürdenläufe - alles, was mit Schnelligkeit zu tun hat, interessiert mich sehr.

GP: Du hast mit einem dritten Platz in China gerade dein bisher bestes Saisonergebnis erreicht. Was lief in China besser im Vergleich zum verhaltenen Start ins Jahr?
MS: Ich habe vielleicht zu früh nach der Schwungumstellung in Abu Dhabi - wo ich eigentlich nie gut spiele - einen fünften Platz erreicht. Nach Abu Dhabi dachte ich: "Okay, das war es mit der Schwungumstellung. Ich habe genügend Technik trainiert und jetzt spiele ich nur noch." Auf einmal ging es dann in die vollkommen falsche Richtung. Ich habe zu viel mit dem TrackMan trainiert und habe mich darin ein bisschen verloren. Mein Schläger ist im Rückschwung zu sehr abgeflacht, was der TrackMan nicht anzeigt. Ich habe auf dem Monitor immer nur gesehen, dass meine Schlagfläche den Ball optimal erwischt und die Ebene leicht von innen kommt. Wir haben zu wenig Videoanalyse gemacht und ich konnte mich nicht selbst korrigieren, weil ich nicht wusste, was der Fehler war. Das war sehr frustrierend. In Valderrama habe ich dann mit meinem Trainer darüber gesprochen, dass sich irgendetwas im Rückschwung falsch anfühlt, und dann sind wir auf die Lösung gekommen. Der Schaft musste im Rückschwung einfach etwas steiler sein und schon lief es in China. Ich habe nicht grandios gespielt. Das war mehr eine mentale Höchstleistung.




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