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Made in Germany

Martin Kaymer

18.10.2016 | Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Tino Dertz/ZweiD

Am Ende der Saison 2016 wird es höchste Zeit, sich bei den deutschen Golfern auf den Profitouren dieser Welt nach den Befindlichkeiten zu erkundigen. Den Anfang in unserer Konferenzschaltung macht selbstverständlich der beste Golfer der Republik: Martin Kaymer.

GP: Du hast dich nach dem Ryder Cup sehr über Teile des Publikums ins Hazeltine beschwert. Wir waren auch inside the ropes und haben einiges, aber bei Weitem nicht alles mitbekommen. War es tatsächlich heftiger als bei früheren Ryder Cups?
MK: Dieses Mal war es für manche Spieler schon extrem. Sergio García musste sich bei jedem Schlag anhören, dass er noch kein Major gewonnen hat. Dass er alle kurzen Putts danebenschiebt. Und das wirklich vor jedem Schlag. Das ist für seinen Mitspieler, in dem Fall mich, schon nervig und für ihn selbst extrem bitter. Mit so einer Situation zurechtzukommen ist schon extrem schwierig. Er hat ja auch den ein oder anderen Zuschauer von Polizisten vom Platz stellen lassen. So was kommt in Europa einfach nicht vor. Und auch für Danny Willett war es aufgrund des Artikels, den sein Bruder geschrieben hatte, eine sehr, sehr schwere Zeit. Generell hatten wir so zwei, drei Spieler dabei, die 'ne heftige Zeit beim Ryder Cup hatten.

GP: Hat dich das ruppige Publikum in deiner sportlichen Leistung beeinträchtigt?
MK: Es hat mich nicht in meinem Spiel beeinflusst. Aber ich fand es einfach respektlos, weil Sergio García wirklich eine super Karriere bis zum heutigen Tag hinter sich gebracht hat. Und dann wirklich bei jedem Schlag irgendein Kommentar - und immer kurz vor dem Schlag, das ist einfach extrem unsportlich. Ich fand es einfach nur schade, weil es an sich doch eine super Atmosphäre die ganzen drei Tage war. Und es ist einfach schade für den Ryder Cup, dass du dann halt ein paar Leute dabeihast, die unter die Gürtellinie gehen.

GP: Wenn das eigene Team in Rückstand ist und man dann immer wieder orkanartige Jubelstürme über dem Platz hört und weiß, dass jetzt wieder irgendwo irgendetwas zu den eigenen Ungunsten gelaufen ist - stachelt das an? Demoralisiert das? Versuchst du, das auszublenden? Wenn ja, gelingt dir das immer oder kann es doch beeinflussen?
MK: Diese Erfahrungen hatten wir ja schon damals in Chicago gemacht. Wir waren uns vorher darüber im Klaren, dass immer Riesenapplaus zu hören sein wird, wenn die Amerikaner ein Loch gewinnen. Wenn wir ein Loch gewinnen, hört man dagegen nichts. Also kannst du nicht davon ausgehen, dass es nur positiv für die Amis läuft. Von daher versucht man nicht wirklich, viel reinzuinterpretieren, ob jetzt der Spieler wieder ein Loch verloren hat oder ein anderer - man versucht, sich auf sein Spiel zu konzentrieren, und am Ende zählt man die Punkte zusammen.

GP: Ein Wort zum Duo McIlroy/Pieters: ziemlich cool, oder?
MK: Ja. Gerade weil Rory in den letzten Wochen mit dem FedEx-Cup-Gewinn Unglaubliches geleistet hat, war er sicher nicht mehr bei 100 Prozent. Aber er hat auf jeden Fall 100 Prozent gegeben von den 80 Prozent, die er noch übrig hatte. Und Thomas Pieters war, glaube ich, selbst ein wenig überrascht von seiner konstant guten Leistung. Denn mit Rory zusammenzuspielen ist auch nicht immer so einfach - wenn dein Partner in der Weltspitze ganz oben ist und sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und dann noch beim ersten Ryder Cup als Rookie mit ihm zu spielen - Hut ab! Die Leistung der beiden war schon sehr außergewöhnlich.

GP: Auch wenn es für das Gesamtergebnis nicht von Bedeutung war - wie wichtig war es für dich persönlich, dass du dein Einzel gegen Matt Kuchar gewonnen hast?
MK: Es war aus vielerlei Hinsicht wichtig. Natürlich für meine eigene Leistung, dass ich den Ryder Cup mit einem positiven Ergebnis abschließen konnte, da ich am Freitag und Samstag keinen Punkt geholt hatte. Und auch um das Vertrauen, das Darren Clarke in mich gesetzt hat, zu bestätigen und zu beweisen, dass ich wirklich alles gegeben habe beim Ryder Cup, auch wenn wir nach dem Samstag schon ziemlich weit hinten lagen. Ich bin auch im Locker Room am Samstagabend aufgestanden und habe gesagt: "Leute, wir sind jetzt dreieinhalb Punkte hinten. Aber in Medinah waren es mehr. Dreieinhalb Punkte sind nicht wirklich viel, wenn wir noch zwölf Matches zu spielen haben. Und wenn sich jeder auf sein Match konzentriert und jeder sein Ding morgen durchzieht, dann haben wir hier echt noch 'ne Chance, den Ryder Cup zu gewinnen."

GP: Wir würdest du deine Saison 2016 in wenigen Worten zusammenfassen?
MK: Es war eine sehr solide Saison. Ich hatte viele gute Ergebnisse, viele Top-Ten- Ergebnisse, hab aber leider den ersehnten Sieg noch nicht gehabt. Ich habe ja noch drei, vier Turniere vor der Brust, bei denen ich noch mal alles geben werde, was der Tank hergibt. Von daher würde ich sagen, es war eine solide Saison, in der das Highlight aus sportlicher Einzelsicht fehlt. Aber generell war es ein super Jahr mit dem Ryder Cup und den Olympischen Spielen. Daraus kann man schon sehr viel lernen und ich glaube, in der Winterzeit werde ich sehr viel reflektieren, was 2016 alles passiert ist.

GP: Du hast 2015 die US Tour und 2016 auf der European Tour gespielt. Mit welchen Erkenntnissen für die Zukunft?
MK: Dass ich mich auf der europäischen Tour sehr, sehr wohlfühle. Das sieht man ja auch an den Ergebnissen, dass ich dort wesentlich besser spiele. Ich werde jetzt wahrscheinlich auch in Zukunft vermehrt auf der European Tour spielen. Klar werde ich all die dicken Turniere in Amerika mitspielen und noch zwei, drei andere Turniere auf der PGA Tour, aber mein Fokus wird definitiv auf der European Tour liegen.

GP: Was war das tollste Erlebnis in Rio abseits deines eigenen Wettkampfs?
MK: Es wäre jetzt vielleicht langweilig, die Eröffnungsfeier zu nennen, weil das jeder sagt. Für mich war es halt das Grösste, dass ich jeden Tag im Deutschen Haus und im olympischen Dorf unter den ganzen Sportlern sein konnte und mich von der Art und Weise, wie diese trainieren, inspirieren zu lassen. Man kann gar nicht ein einzelnes Highlight auswählen, sondern generell die Atmosphäre, die tagtäglich entstanden ist. Und diese Energie, die man dadurch bekommen hat. Die Motivation, neue Dinge auszuprobieren und eventuell auch für den eigenen Sport zu nutzen. Das war das eigentliche Highlight.

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ICH HABE JUSTIN GESAGT: 'DIE US OPEN HABEN WIR BEIDE GEWONNEN, ABER AUF DIE GOLDMEDAILLE BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN BIN ICH SCHON EIN BISSCHEN NEIDISCH.'
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GP: Bekommt Justin Rose für seine Goldmedaille im Kollegenkreis den Respekt, der der ganzen Sache gebührt, oder wird ein Olympiasieg als exotisch angesehen?
MK: Justin hat erzählt, dass er extrem viel Feedback bekommen hat, auch von Leuten, die mit Golf gar nicht wirklich zu tun haben, sondern generell sportinteressiert sind. Und das Feedback wäre unglaublich gewesen, viel grösser als nach seinem US-Open- Sieg. Und wir Sportler... also ganz ehrlich, ich habe zu ihm gesagt: "Die US Open haben wir beide gewonnen, aber auf die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen bin ich schon ein bisschen neidisch."

GP: Wie haben die Erlebnisse von Rio de Janeiro deine Motivation für Olympia 2020 beeinflusst?
MK: Absolut positiv. Ich bin mit meiner eigenen Leistung nicht ganz zufrieden. Allerdings kann ich es mir natürlich auch erklären, weil es eben unfassbar viele Eindrücke waren, die in einer Woche zu verarbeiten waren. Und sich dabei dann 100-prozentig auf den eigenen Wettkampf zu konzentrieren ist mir etwas schwer gefallen. Aber ich freue mich auf jeden Fall schon auf Japan und will dort auf jeden Fall meine Leistung steigern.

GP: Eine zu hohe Erwartungshaltung ist der grösste Feind des Amateurgolfers. Wie ist das bei dir?
MK: Erwartungshaltungen hat, glaube ich, jeder. Ob im Unterbewusstsein oder bewusst. Du hast natürlich so ein Ziel, wie du den Tag angehen möchtest. Du musst aber auch sehr sensibel sein und in dich reinfühlen: Wie fühlt sich der Tag heute an, wie ist dein Schwunggefühl, wie ist dein Körpergefühl? Da kommen so viele Faktoren zusammen. Wie sind die Fahnenpositionen und, und, und... Aufgrund der Erfahrungen passt du dich dann spontan an den Tag an, ob du vielleicht etwas aggressiver spielst oder eher zurückhaltender. Am Ende versuche ich, auf den Plätzen, die wir spielen und die nicht ganz einfach sind, intelligent aggressiv nach vorne zu spielen, mir Birdie-Chance zu erarbeiten und Bogeys zu vermeiden. Wenn du dann einen guten Tag auf den Grüns hast, spielst du schnell mal 6 oder 7 unter Par. Wenn nicht, hältst du trotzdem deinen Score zusammen. So versuche ich, die Runden anzugehen."

GP: Bei der Dunhill Links Championship in St. Andrews in der Woche nach dem Ryder Cup lagst du zwischenzeitlich in der Teamwertung mit deinem Dad aussichtsreich im Rennen um den Sieg. Hast du so etwas in dem Moment auf dem Schirm oder konzentrierst du dich da nur auf deine Runde?
MK: Das war schon wichtig. Man muss eben zweigleisig denken. Natürlich steht deine eigene Runde zu 80 Prozent im Vordergrund, aber du siehst auf dem Leaderboard ja auch, auf welchem Platz du in der Teamwertung stehst. Ich wollte supergerne mit meinem Vater in die Top Five, weil ich vor einiger Zeit mit einem guten Freund Sechster geworden bin. Es wäre schön gewesen, wenn wir das hätten toppen können. Jetzt sind wir geteilter Siebter geworden, was auf jeden Fall eine super Leistung war, vor allem für meinen Vater, weil es nie einfach ist, solche Plätze zu spielen, die du normalerweise nicht spielst. Wir hatten als Familie eine super Zeit. In der Einzelwertung habe ich auch eine gute Leistung gebracht. Am Ende ist Tyrrell Hatton ein bisschen davongelaufen, sodass man nicht mehr um den Sieg mitspielen konnte.

GP: Anfang 2017 steht wieder Abu Dhabi auf dem Programm, lange Zeit eines deiner Lieblingsturniere. Hat die Schlussrunde 2015 irgendetwas in dir verändert?
MK: Ja, ich habe sehr viel daraus gelernt. Dass man nie ein Turnier abschreiben kann, dass man nie ein Turnier gewonnen hat, bevor man nicht den letzten Putt gelocht hat. Ich habe sehr viel Positives aus der Runde rausgezogen, was mir auch in vielen weiteren Turnieren geholfen hat. Dass man, wenn man einen Lauf hat, weiter voll aggressiv nach vorne spielt und nicht zurückhaltend. Diese Runde hat mir sehr geholfen für die Zukunft und ich bin mal gespannt, wenn ich noch mal in eine ähnliche Situation komme, ob ich dann aufgrund der gesammelten Erfahrung anders drauf reagieren werde.

GP: Dein Lieblings-Fußballverein steht so gut da wie schon lange nicht mehr. Hast du eine Erklärung dafür? Und wie intensiv verfolgst du die Wege des 1. FC Köln auf der Tour?
MK: Die waren ja sogar mal am Freitagabend Tabellenführer. Da hätte man direkt einen Screenshot machen können. Ich glaube, die machen als Team eine sehr gute Arbeit, schätzen alles realistisch ein, lassen wenig Fehler zu, und wenn sie punkten können, dann punkten sie. Eine intelligente Art, Fußball zu spielen.

GP: Du bist gerade bei einem Termin mit deinem Ausrüster HUGO BOSS. Gibt es in den sozialen Netzwerken eigentlich auch Reaktionen oder Feedback zu deinem Outfit?
MK: Relativ viel. Gerade bei den Majors legen wir gemeinsam mit HUGO BOSS vorher fest, welche Shirts, welche Pullover und Hosen ich an welchem Tag anziehe.

 

Infobox

Alter: 31 Jahre
Wohnort: Düsseldorf
Profi seit: 2005
Lieblingsverein: 1. FC Köln
Erfolge 2016:
• T5. Open de France
• T5. Irish Open
• 6. Alfred Dunhill Links Championship
• T7. US PGA Championship

GP: Also entscheidest du das nicht selbst?
MK: Doch, doch. Wir setzen uns ein paar Wochen vorher zusammen und überlegen gemeinsam, welche Styles zusammenpassen, auch anhand der Wetterbedingungen. Wenn ich die British Open spiele, ziehe ich selten an allen vier Tagen ein Poloshirt an, eher Pullover. Wir setzen uns schon alle zwei Monate zusammen und planen die nächsten Turniere. Auch welche Teile meiner eigenen Kollektion ich gerne integrieren möchte. Das macht schon Spaß. Es gibt auch viel Feedback. In St. Andrews zum Beispiel hatte einer am Sonntag den gelben Pullover an, den ich am Samstag anhatte, und er hatte mir vorher schon auf Twitter geschrieben. Da bekommt man schon einiges an Feedback, was auch schön ist.

GP: Es ist also nicht so, dass du morgens aufstehst und dir überlegst: "Wonach ist mir heute: Rot oder Blau?"
MK: Bei den Majors wird das zwei, drei Monate vorher geplant. Bei den anderen Turnieren entscheide ich so zwei, drei Tage vorher, was ich anziehe.




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