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Golfpunks dieser Welt

Masashi Ozaki

07.09.2016 | Von Iestyn George, Fotos: Getty Images

Kettenraucher, Zockernatur und Verbindungen zur Halbwelt - mit einer Stimme aus Gold und einem amerikanischen Pass in der Tasche wäre Masashi "Jumbo" Ozaki garantiert ein globaler Megastar geworden. Dank seiner mächtigen Drives schaffte er es immerhin zum japanischen Golfgott."

Mai 1997: Greg Norman, die Nummer eins der Weltrangliste, ist nicht erfreut darüber, was sich gerade während der Finalrunde des The-Crowns-Turniers im Nagoya Golf Club in Japan abspielt. Es geht um ein Preisgeld von 21,6 Millionen Yen (135.000 Euro) und zwischen ihm und diesem Scheck steht nur noch Japans Golflegende Masashi "Jumbo" Ozaki.

Tausende Fans des Lokalmatadors bevölkern die Anlage, um einen Blick auf ihren alternden Helden zu erhaschen, der seit Beginn seiner Profikarriere vor 27 Jahren der unumstrittene Golfkönig Japans ist. Trotz seiner Seriensiege im vergangenen Vierteljahrhundert wurden "Jumbos" Leistungen außerhalb Japans allerdings nie wirklich gewürdigt. Hier am Schlusstag mit dem "Great White Shark" im letzten Flight bietet sich nun die perfekte Gelegenheit für Ozaki zu beweisen, dass sein zehnter Platz in der Weltrangliste nicht von ungefähr kommt.

Ozaki, dessen Name seit dem Vorabend auf dem Leaderboard an erster Stelle steht, drückt die Zigarette aus und greift, obwohl sein Ball ins Rough rollte, zum Driver. Wer wagt, gewinnt! Aber kaum hat er sich dem Ball mit der Dicken Berta genähert, verlässt ihn der Mut und er entscheidet sich für ein Eisen. Wenige Meter entfernt platzt Norman der Kragen. Der beste Golfer der Welt ist überzeugt, dass Ozaki beschissen habe, und behauptet, sein Gegner habe mit dem Driver beim Ansprechen das Gras hinter dem Ball platt gedrückt und so die Lage des Balls verbessert, bevor er dann den Schläger wechselte.

Déjà-vu! Drei Jahre zuvor hatte der australische Superstar Ozaki bei einem Turnier im Tomei Country Club schon einmal beschuldigt, diese Nummer abgezogen zu haben, doch die japanische Turnierleitung drückte ein Auge zu. Und auch hier in Nagoya sieht es nicht gut aus für den Mann mit dem Hut. Seine Beschwerde wird erneut abgewiesen und Ozaki gewinnt das Turnier, während Norman mit vier Schlägen Rückstand nur Vierter wird. Kazuhiko Muto, einer der wenigen japanischen Journalisten, die über den Vorfall berichten, drückt es landestypisch aus: "In Japan gibt es ein Sprichwort: 'Wenn es aus einem Topf stinkt, legt man den Deckel drauf...'"

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1989 IN JAPAN MUSSTE JACK NICKLAUS ENTGEISTERT FESTSTELLEN, DASS OZAKIS DRIVES 80 METER WEITER FLOGEN ALS SEINE EIGENEN.
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Masashi Ozaki wurde 1947 als Ältester von drei Brüdern im Bezirk Kaifu in Tokushima geboren. Er wuchs in einem vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Land auf einem Bauernhof mit "einer gelassenen Mutter und einem strengen Vater" auf.

Schon als Kind war der patriotisch gesinnte Ozaki entschlossen, es im Leben zu etwas zu bringen. Er zeigte als Jugendlicher großes Sporttalent und war als Pitcher der Star seiner High-School-Baseball-Mannschaft, mit der er die Landesmeisterschaft gewann.

Nach seiner Schulzeit spielte er von 1965 bis 1967 als Profi bei den Nishi-Nippon Railway Lions, doch dann nahm er 1968 er zum ersten Mal in seinem Leben einen Golfschläger zur Hand und nichts mehr war wie zuvor. Ohne eine einzige Trainerstunde prügelte er Bälle über das Netz der Driving Range und schon nach kurzer Zeit spielte er gut genug, um Profi zu werden.

Ende 1971 hatte er bereits fünf Siege bei der Japan-Tour verbucht und war auf dem besten Wege, ein Volksheld zu werden. In der Folge errang Ozaki fast hundert Titel und Preisgelder in Höhe von mehreren Milliarden Yen, was ihn zum erfolgreichsten japanischen Golfer aller Zeiten machte. Aber das ist bei Weitem nicht die ganze Geschichte.

"Er ist der Arnold Palmer Japans", meinte 1997 Sadao Iwata, bekanntester TV-Golfkommentator des Landes. "Japanische Golfer imitieren seinen Kleidungsstil, kaufen die Schläger seiner Marke, rauchen dieselben Zigaretten wie er."

Jahrelang aber hing Ozaki das hässliche Gerücht nach, er habe seinem Weg an die Spitze mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen. Wer den Spitznamen "Foot Wedge" angehängt bekommt, dem begegnet man offensichtlich mit heftigem Misstrauen. Ozaki wurde auch beschuldigt, einen "heißen" Ball, der nicht regelkonform ist, verwendet zu haben.

Woher kamen diese Verdächtigungen? Der Kettenraucher Ozaki, dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt wurden, hatte so eine Art, sein Gegenüber mit durchdringendem Blick zu fixieren - man fühlte sich schuldig, als sei man in sein Haus eingebrochen und habe seine Kinder als Geiseln genommen. Ozaki polarisierte. Etliche Spieler, die mit ihm auf der Japan-Tour die Spielbahn teilten, sind nach wie vor überzeugt, dass Ozaki ein ehrlicher Sportsmann sei und Neid der wahre Grund hinter den Anschuldigungen.

Die Tatsache, dass Ozakis Name so viele Jahre lang unter den Top Ten zu finden war, irritierte die US-amerikanische Golfergemeinde. Er sei, so meinte man, nichts weiter als ein Schmalspur-Champion, der lieber massenhaft Ranglistenplätze in relativ unbedeutenden Turnieren sammle, als seinen Ruf bei einem amerikanischen Großereignis unter Beweis zu stellen. Wie könne es denn angehen, dass ein Mann, dessen bester Platz bei einem Major ein gemeinsamer sechster Rang bei den US Open 1989 war, fast ein Jahrzehnt lang im Oberhaus der Weltrangliste zu finden sei? War dieses Kraftpaket mit dem gigantischen Brustkorb nur ein großer Fisch in einem kleinen Teich, der die Ungereimtheiten des Ranglistensystems clever zu nutzen wusste, oder war er wirklich gut?

Einer der treuesten Anhänger Ozakis ist Todd Hamilton, der seinen Lebensunterhalt auf der Japan-Tour verdiente, bevor ihm sein Sieg bei der Open 2004 das Tor zu Ruhm und Reichtum öffnete. "Er ist unglaublich, er schlägt wahnsinnig weit und hat ein fantastisches Kurzspiel", sagte Hamilton 1998, als Ozaki mit 51 Jahren immer noch einen Stammplatz unter den zehn weltbesten Golfern innehatte. "Die Kollegen aus den USA wundern sich, warum er so weit oben steht, aber wenn die berühmten Spieler nach Japan kommen, verlieren sie meist gegen ihn. Er puttet wie Nicklaus zu seinen besten Zeiten und locht die Putts, die Runden am Laufen halten."

Ozaki wurde nicht nur vorgeworfen, die Ballposition manipuliert zu haben und Bälle zu verwenden, die interplanetarische Weiten zurücklegen können, er soll auch Schläger benutzt haben, die in eklatanter Weise gegen die Bestimmungen verstießen.

Während eines im japanischen Fernsehen übertragenen Promi-Turniers Ende 1989 musste die Legende Jack Nicklaus entgeistert feststellen, dass Ozakis Drives 80 Meter weiter flogen als seine eigenen. Beim letzten Vergleich mit Ozaki nur zwölf Monate zuvor hatten wenige Meter zwischen ihren Schlagweiten gelegen.

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In einem Interview mit der "New York Times" 1990 erinnerte sich Nicklaus: "Auf einem Par 5 schlug ich einen guten Drive, danach ein 2er-Eisen und ein Wedge aufs Grün. ,Jumbo' erreichte das Grün mit einem Driver und einem 8er-Eisen. Da reichte es mir, ich fragte ihn: 'Womit spielst du denn da?'"

Ozakis Waffe war der sagenumwobene Jumbo Driver, auf dessen Sohle lediglich "Professional Weapon" zu lesen war. Spötter behaupteten, der Schläger müsse illegal sein, weil Ozaki sich weigerte, genaue Angaben zum Material des Schlägerkopfs zu machen. Er sagte nur, er sei "aus so was Ähnlichem wie Stahl", doch Frank Thomas, der Technikdirektor der USGA, stellte klar, dass es keinen Grund gab, so etwas auch nur zu denken. Es dauerte nicht lange, bis Nicklaus und Ray Floyd, einer seiner Kollegen, das Monstrum ebenfalls im Bag hatten. Beim Masters 1990 schlug Floyd am zweiten Loch damit einen Abschlag mit 365 Metern Länge - nicht schlecht für einen 47-Jährigen!

Auch wenn seine Ausrüstung ihrer Zeit voraus war, hatte Ozaki bei seltenen Auftritten außerhalb Japans dennoch gewaltige Schwierigkeiten. Seinen grössten Sieg im Ausland erzielte er 1972 auf der nicht gerade riesigen New Zealand PGA Tour.

In den USA erklärt man das Phänomen Ozaki gemeinhin damit, dass er bestenfalls nicht gut genug sei und schlimmstenfalls ein Betrüger. Es gibt jedoch auch eine andere Theorie: Ayako Okamoto, die auf der LPGA Tour 17 Siege feiern konnte, argumentierte, einige Spieler aus ihrem Heimatland seien so verwöhnt, dass sie auf sich allein gestellt überhaupt nicht existieren könnten. Ozaki selbst gab einmal zu: "Sobald ich in diesem Umfeld bin, habe ich keinen so starken Siegeswillen mehr. Wirklich schade, dass ich nicht da [in den USA] geboren bin, sonst würde ich auch dieses Feuer in mir spüren."

Trotz seines Promi-Status sehnte sich Ozaki nach der Intimität eines von der Öffentlichkeit abgeschirmten Familienlebens. Mit seiner Frau Yoshiko und den drei Kindern lebte er in einem palastähnlichen Haus in der Nähe von Tokio mit Driving Range im Garten und Ferraris, Lamborghinis und Bentleys in der Garage. Neben dem Golfspiel las er Reiseliteratur, spielte Gitarre, sammelte Musikinstrumente und interessierte sich für Wein und Bonsai, die traditionelle japanische Gartenkunst.

Doch die dunkle Seite liess Ozaki wohl nie ganz los. 1987 veröffentlichte die "Yomiuri Shimbun", die grösste Tageszeitung Japans, Fotos, die "Jumbo" auf der Geburtstagsfeier von Susumu Ishii zeigten, des angeblichen Chefs der Inagawa-kai, eine der grössten und berüchtigtsten Verbrecherorganisationen des Landes. Die "Yomiuri" meldete, Ozaki habe Chihiro Inagawa, den ältesten Sohn des Gründers dieser kriminellen Vereinigung, Ende der 70er-Jahre in Hawaii kennengelernt. "Jumbo" würde von den Bossen der Inagawakai eingeladen, spiele mit ihnen Golf und gebe ihnen sogar Trainerstunden. Vier Tage nach dem Erscheinen des Artikels wurde Ozaki von der Leitung der Japan-Tour offiziell verwarnt.

Seine Goldsorgen minderte jedoch auch diese zwielichtige Gesellschaft nicht. Obwohl Ozaki der reichste japanische Golfer aller Zeiten war, hatte er während der japanischen Rezession Anfang der 90er-Jahre doch mit ernsten Finanzproblemen zu kämpfen. Es hieß, er habe bei Immobiliengeschäften unzählige Millionen in den Sand gesetzt.

Um seinen ramponierten Kontostand wieder auszugleichen, unterzeichnete er 1997 einen Ausrüstervertrag über fünf Jahre mit dem wenig bekannten Hersteller World One, der ihn sanieren sollte. Doch es kam anders: Im Oktober 2005 musste Ozaki wegen seiner Schulden in einer Gesamthöhe von 1,6 Milliarden Yen (10 Millionen Euro) Konkurs anmelden.

Auch wenn Masashi Ozaki nie ein Major gewann und er sich nie im Ausland behaupten konnte, ist nicht nur er heute stolz auf seine Leistungen, sondern auch seine Fans in Japan lieben "Jumbo" nach wie vor. Ein Interview mit "Japan Today" 2003 macht deutlich, warum dies so ist: "Das Einzige, was mich je interessiert hat, war, in Japan die Nummer eins zu sein. Als ich nach dem Krieg aufwuchs, befand sich mein Land in einem mühsamen Wiederaufbau. Zu dieser Zeit dachten die Leute nur an Japan, alles außerhalb des Landes war ihnen einfach egal. Ich wurde mehrmals gefragt, warum ich nie nach Amerika gegangen bin. Ehrlich gesagt ist mir das gar nicht in den Sinn gekommen." 2011 wurde Masashi Ozaki in die World Golf Hall of Fame aufgenommen und er tritt noch heute beim The Crowns an.




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