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Tiger Woods

Oh Boy

30.07.2015 | Von Rudi Schaarschmidt

Tiger Woods, einstige Lichtgestalt des Golfsports, ist mittlerweile die Nummer 241 der Weltrangliste und erntet fast nur noch Mitleid. Wie muss er sich fühlen? Was kann er tun? Wir suchen Expertenrat.

Verletzungen, Schwungumstellungen, private Probleme, möglicherweise eine Kombination all dessen - offensichtlich ist sich der einstige Golf-Titan der wahren Ursachen seiner sportlichen Krise selbst nicht genau bewusst. Was aber macht diese brutale Talfahrt mit einem einstigen Sportgiganten? Sitzt er abends zu Hause und weint sich die Seele aus dem Leib? Oder geht er in den Keller und prügelt vor lauter Verzweiflung auf einen Sandsack ein? Beides ist unwahrscheinlich und jede Ferndiagnose stets mit Vorsicht zu genießen. "Keiner von uns kennt Tiger Woods persönlich. Also ist jeder Versuch, ihn aus psychologischer Sicht zu analysieren, hochspekulativ", erklärt Babett Lobinger, Doktor der Psychologie und auf diesem Gebiet eine Koryphäe im Leistungssport.

Tiger ist eine Sportgröße, von deren Strahlkraft es in der Sportwelt nur ganz wenige gab und gibt. Für viele ist er immer noch ein Idol. Er hat Zeit seines Lebens trainiert wie blöde, den Golfsport athletisch gemacht und auf ein Level nahe der Perfektion gehoben. Wie kann es sein, dass er - überspitzt formuliert - plötzlich Schläge produziert wie ein Anfänger?
Dr. Babett Lobinger: Es kann durchaus sein, dass motorische Ausführungen auf höchster Ebene irgendwann nicht mehr problemfrei laufen. Wir sprechen dann vom Lost Skills Syndrom. Etwas, was vorher automatisch ablief, kann motorisch und neurophysiologisch defekt sein. Von dieser fokalen Dystonie können auch andere Berufe betroffen sein wie zum Beispiel Chirurgen oder Musiker. Der Bewegungsapparat ist eigentlich völlig intakt, beim Ausführen einer erlernten Bewegung, einer bestimmten Passage oder feinmotorischen Tätigkeit jedoch ist man nicht in der Lage, diese fehlerfrei auszuführen. Ohne Instrument oder in anderem Kontext geht es störungsfrei. Im Golf kennt man dieses Phänomen als "Yips". Tommy Armour, dreifacher Major-Sieger, beendete seine Karriere wegen eines unwillkürlichen Muskelzuckens beim Putten. Eine Bewegungsstörung, die er nicht mehr abstellen konnte. Auch Bernhard Langer war ein prominentes Beispiel für diese "Krankheit". Bei der Open 1988 benötigte er auf dem 17. Grün aus einem Meter fünf Putts! Langer hat den Weg zurückgefunden. Golf-Pro Bernd Gerland erforscht am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln seit Jahren das Phänomen Yips. Da dieses Phänomen nicht nur beim Putten auftaucht, hat er einen neuen Begriff geprägt: Impact-Panik.

Bernd Gerland: Ich bin durch den Begriff "Target-Panik" aus dem Bogenschießen darauf gekommen. Da gibt es das Phänomen, dass Schützen den Pfeil zu früh oder gar nicht loslassen. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei Tiger auf eine Impact-Panik beim Abschlag hinausläuft. Sein ehemaliger Trainer Hank Haney hat ja in seinem Buch auch angedeutet, bei Tiger solch ein Phänomen ausgemacht zu haben.

Tiger Woods:

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DAS GIBT ES AUCH IM SCHIESSSPORT ODER BEI POLIZISTEN, WENN MAN MIT EINER FEUERWAFFE IN ANSCHLAG GEHT. DA HEISST ES ,FLINCH'.
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Warum und wie soll sich Tiger Woods diese "Krankheit" eingefangen haben?
Dr. Lobinger: Das kann schon eine gewisse Form der Konditionierung sein. Die Frage ist dann: Was löst dieses Scheitern oder diese fehlerhafte Bewegungsausführung aus? Das kann die Wettkampfsituation an sich sein. Choking under pressure.

Jemand, der nahezu alle Golfrekorde gebrochen hat, bricht plötzlich unter Druck zusammen?
Gerland: Weil er möglicherweise falsch trainiert hat, zum Beispiel nach einer seiner zahlreichen Verletzungen. Man stellt die Bewegung um, weil man Schmerzen hat oder hatte. Bei jeder Schwungumstellung geht man bewusst in die Muskelbewegung hinein. Alles, was bewusst passiert, führt zum Brechen des Automatismus. Im Lernmodus gehst du deduktiv vor, zergliederst, denkst über Bewegungen nach, weil du ja etwas ändern willst. Das ist eine ganz gefährliche Phase, denn dann ist dein Bewegungsfluss gestört. Du denkst, du willst hier noch einen Millimeter anders und da noch was. Und du antizipierst den Treffpunkt, weil du weißt, gleich passiert etwas. Da wirken Kräfte, Muskeln werden beansprucht. Das hast du vorher nie bewusst wahrgenommen oder gemacht. Aber durch die Technikänderung oder Verletzung machst du etwas bewusst und bekommst es nicht mehr zurück ins unbewusste Muster. Das gibt es auch im Schießsport oder bei Polizisten. Da heißt es "Flinch." Wenn man mit einer Feuerwaffe in Anschlag geht und den zu erwartenden Rückstoß zu früh antizipiert, ist da eine entsprechende Bewegung, ein Zucken, bevor der Abzug betätigt wird, und der Schuss verfehlt sein Ziel. Und so ist es beim Golfen auch. Ich nenne es Impact-Panik. Du weißt, gleich stößt etwas zusammen, was sehr wertvoll und wichtig ist, weil du damit Geschwindigkeit und Richtung steuerst. Wenn du aber bewusst darüber nachdenkst, es bewusst herstellen willst, dann fängt deine Hand schon kurz zuvor an, unkontrolliert etwas zu machen, was du gar nicht haben willst. Tiger gibt den Schläger ja nicht mehr frei. Er blockt den Ball rechts raus. Wenn er den freien Durchschwung künstlich probiert, schlägt er einen Quick Hook. Ein typisches Muster. Du verlierst plötzlich die Bälle auf zwei Seiten, rechts und links. Bei einem Schwungfehler gibt es eine klare Tendenz zu einer Seite. Aber wenn du auf beiden Seiten streust, ist das immer ein Zeichen, dass etwas passiert ist. Das sind schleichende Prozesse. Wenn er am Abschlag ein oder mehrere Traumen erlitten hat, dann hat sich das geblockte Gefühl angekoppelt an die Abschlagssituation. Das ist eine konditionierte Reaktion, dieses Flinchen, dieser bewusste Versuch gegenzusteuern. Und bei Tiger kann das ein Abschlag-Yips sein, konditioniert mit dieser speziellen Situation im Wettkampf. Zwischendurch hatte er ja auch ein Chip-Problem. Das hat er aber irgendwie in den Griff bekommen, obwohl auch immer mal wieder zwei, drei dabei waren, die ein bisschen dünn oder fett getroffen waren. Das ist auch ein Zeichen von Impact-Panik. Du antizipierst den Treffpunkt - also triffst du fett. Danach antizipierst du einen fetten Treffpunkt - und triffst dünn. Schon kannst du in diesem Muster verfangen sein. Da kann ein Erlebnis ausreichen, um das zu konditionieren wie beim pawlowschen Hund.

Tiger Woods müsste das Problem doch längst auf dem Schirm und sich Rat eingeholt haben...
Dr. Lobinger: Ich kann ja in der Medizin über ein Fachgebiet alles wissen und trotzdem krank werden. Essgestörte wissen auch, dass sie besser etwas essen sollten. Oft ist man in dem Problem gefangen - als würde man in einem reißenden Fluss treiben und sich an einer Holzplanke festhalten. Von außen schreien alle: "Lass doch los und schwimm an Land!" Und man hat das Gefühl: Wenn ich loslasse, dann reißt mich der Fluss weg und ich kann nicht das machen, was ich eigentlich tun müsste. Es kann also sein, dass er genau weiß, was er tun müsste. Das heißt aber noch lange nicht, dass er sich auch selbst helfen kann. Aber wie gesagt, das ist ja alles völlig spekulativ.

Ist es möglich, dass das Problem von heute auf morgen wieder verschwindet?
Gerland: Ich glaube nicht daran. Wenn wir über Konditionierungsreize sprechen, ist das ein langwieriger Prozess. Ich traue es Tiger aber zu, dass er die Gegenkonditionierung schafft.

Letztlich ist das doch alles eine Sache des Selbstvertrauens. Wiegen 15 Jahre unvergleichlicher Erfolge für das Selbstvertrauen nicht mehr als ein halbes Jahr Krise?
Dr. Lobinger: Die Psychologie und die Subjektivität der Wahrnehmung lehren uns, dass es solche Gesetzmäßigkeiten nicht gibt, weil das völlig unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Es gibt Quoten, die besagen, wir benötigen bis zu zehn gute Eindrücke, um einen negativen aufzuheben. Der Lehrer vor der Klasse ärgert sich über die zwei, die stören, und übersieht die 20, die prima sind. Der Trainer regt sich über die Fehler auf und übersieht die vielen guten Aktionen. Misserfolge sind schon prägnanter. Bestrafungen sind im klassischen Konditionieren wirksamere Reize als Lob. Aber letztlich hängt es davon ab, wie ich mich selbst instruiere, was ich für ein Mensch bin, ob ich optimistisch oder pessimistisch veranlagt bin. Versuche der Differential- und Persönlichkeitspsychologie, um Unterschiede zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen Sportlern oder um generell signifikante Persönlichkeitseigenschaften erfolgreicher Menschen darzustellen, sind gescheitert. Die Persönlichkeit an sich hat nicht den Erklärungswert, den wir ihr gerne zuschreiben möchten, und es gibt nicht das Persönlichkeitsprofil eines Leistungssportlers.

Aber das Selbstverständnis, das sich für Tiger in seinem bisherigen Leben aufgebaut hat, bricht Woche für Woche weiter zusammen. Das muss ihn doch unglücklich machen!
Dr. Lobinger: Ich höre da deutlich heraus, dass man sich mal fragen müsste, was Tiger Woods für einen selbst bedeutet. Man macht ihn zur Lichtgestalt. Und wir betrachten das, was jetzt passiert, durch unsere Brille mit unseren Wertvorstellungen. Schleicht sich bei uns nicht das Gefühl ein, dass nicht sein kann. was nicht sein darf? Warum tut er sich das an? Warum demontiert er all das, wofür Tiger Woods für mich stand? Warum gestehe ich ihm nicht zu, dass er ganz profane Probleme hat? Dass er trotz des vielen Geldes, von dem wir wissen, dass es allein auch nicht glücklich macht, vielleicht auch mit dem Leben nicht zurechtkommt? Und warum nötigt es mir nicht Hochachtung ab, dass er sich dieser Situation stellt? Diese Erfahrung hat er nie gemacht. Warum finde ich es nicht klasse, dass sich dieser Mann im Moment möglicherweise sagt: "Obwohl ich Probleme habe, liebe ich diesen Sport. Jahrelang war ich in der Sonne unterwegs, jetzt bin ich halt mal im Schatten"? Das scheint man sich nicht vorstellen zu können, weil die eigene Denkweise eine andere ist. Vielleicht empfindet er das als wertvolle Erfahrung oder als Herausforderung. Das wissen wir nicht. Wir glauben immer, beurteilen zu können, wann wir einem Menschen zugestehen, ob er glücklich sein kann oder nicht. Aber das Leben lehrt uns doch, dass es Menschen gibt, die durchaus glücklich sind, obwohl sie missliche Lebensabschnitte haben. Menschen, die in Armut leben oder behindert sind...

 

Infobox

DR. DIPL.-PSYCH. BABETT LOBINGER


MA Sportwissenschaft Psychologisches Institut der DSHS Köln, Abteilung Leistungssport
Seit Mai 2015 Vizepräsidentin Leistungssport in der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie
Seit 1998 Trainerausbildungen in unterschiedlichen Sportfachverbänden und der Trainerakademie in Köln
Seit 2006 Stammdozentin (Sportpsychologie) im Fussballlehrer-Lehrgang des DFB und in der Trainerakademie in Köln
Seit 1998 sportpsychologische Beratung/Mental Coaching von Athlet/-innen und Trainern/Trainerinnen im Spitzensport

BERND GERLAND


Diplom-Sportlehrer Fully Qualified PGA Golf Professional und A-Trainer des DGV/DOSB
Seit 1998 als PGA Golflehrer tätig (zurzeit V-Golf St. Urbanus)
Seit 2012 Promotionsstudent am psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln, Abteilung Leistungspsychologie, Durchführung eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts mit Unterstützung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zum Thema von Störungen motorischer Handlungsvollzüge beim Golf

Er ist 39. Könnte er so aufhören? Oder ist er einer, der alles daransetzt, noch mal zurückzukommen?
Gerland: Er wirkte auf dem Golfplatz von seiner Körpersprache her teilweise depressiv. Ich habe das nicht mehr gerne gesehen, das wirkte schon schlimm. Aber in letzter Zeit ist er wieder kämpferischer aufgetreten. Beim Memorial bekam er ja die Höchststrafe und musste als Letzter im Feld mit der ersten Startzeit nur mit einem Zähler allein auf die Runde. Das hat er relativ souverän gemacht. Da hat man das Depressive nicht gesehen. Ich denke, er ist eine Kämpfernatur. Aber so was kann ja auch schnell kippen. Wenn er merken sollte, dass es keinen Weg mehr zurück gibt, und denkt, er habe dann nichts mehr, keinen Plan B, vielleicht wird er ja irgendwann wirklich depressiv, keine Ahnung. Das ist nicht prognostizierbar.




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