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Die angenehmsten Orte der Welt

County Down

21.08.2015 | Von Jan Langenbein

Der zweitgrößte Bezirk Nordirlands hat viel zu bieten: den besten Golfer der Welt, eine lebendige Hauptstadt und Golfplätze zum Zungeschnalzen.

Nordiren haben doch ein seltsames Verständnis von Tourismus. Normalerweise hört man bei Stadtführungen weltweit Sätze wie "Und hier sehen Sie das höchste Bauwerk der Welt" oder "3.000 Menschen haben 15 Jahre daran gearbeitet". Nicht so in Belfast. Das Erste, was mir Tour-Guide Ken stolz präsentiert, als ich in der nordirischen Hauptstadt ankomme, ist die semi-elegante Fassade eines Hotels: "Das hier ist das ,Europa Hotel', das meistbombardierte Hotel der Welt".

30 Jahre war Belfast Zentrum der "Troubles", des blutigen Konflikts zwischen den Katholiken mit ihrem IRA-Arm und den Protestanten, deren Ulster Volunteer Force mit der gleichen menschenverachtenden Brutalität ans Werk ging. Obwohl seit dem Karfreitagsabkommen 1998 Frieden herrscht, sind die Wunden nicht verheilt. Noch immer trennen riesige Mauern, die Friedenslinien, Wohngebiete irischer Nationalisten und britischer Unionisten. Als ich den Taxifahrer frage, was passierte, würde man die Mauern einreißen, sagt er: "Vermutlich nichts" - und fügt nach kurzem Nachdenken hinzu: "Aber ich würde es nicht riskieren."

Diese Ambivalenz bekam auch Rory McIlroy zu spüren, als es darum ging, ob er Irland oder Großbritannien bei Olympia repräsentiert. Am Ende entschied sich der Weltranglistenerste mit katholischem Hintergrund für Irland. In Belfast ist Rory dennoch universell geliebt. Das bekommt auch Ken zu spüren. Er heißt mit Nachnamen McElroy, und weil man den orthografischen Unterschied nicht hört, wird er ständig gefragt, ob er mit Rory verwandt sei. Ein nahe liegender Verdacht, schließlich führt Ken mich erst einmal in den Holywood Golf Club, Rorys Heimatclub.

Die angenehmsten Orte der Welt:
Auf dem unspektakulären Parkland-Platz reicht ein Stopp im Clubhaus, um die Trophäensammlung des Superstars in Augenschein zu nehmen und Rory-Memorabilien zu kaufen. Denn ich bin nicht nach Nordirland gekommen, um zwischen Bäumen zu spielen. Ich will Links-Golf. Deshalb geht es vom Norden des Countys Down schnell weiter in den Süden gen Newcastle.

Hier wartet nicht irgendein Links-Course, sondern der Links-Platz schlechthin: Royal County Down. Für vier Guineen (in heutigem Geld etwa 2.000 Pfund) baute Old Tom Morris 1889 im Auftrag der regionalen Eisenbahn einen Golfplatz, um mehr Menschen nach Newcastle zu locken. Vom Original-Design des alten Tom ist heute freilich nicht mehr viel zu sehen. 1896 fielen Teile des Platzes dem luxuriösen "Slieve Donard Hotel" zum Opfer, bis heute das mit Abstand beste Hotel der Gegend.

Der Verlust des Geländes war das Beste, was passieren konnte. Dank ihm verlegte Clubmitglied George Combes das Routing in die höheren Dünen und gab dem Platz damit seinen Charakter. Kurz darauf erhielt der Club dann auch als einer von drei nordirischen Clubs das königliche Gütesiegel. Verliehen wurde es von einem echten GolfPunk seiner Ära. König Eduard VII. war nicht nur ein Hallodri und Bonvivant, wie er im Buche steht, er ließ sogar auf dem Gelände von Windsor Castle einen Golfplatz anlegen.

Die angenehmsten Orte der Welt: Ja, auch in Hogwarts scheint mal die Sonne
Ja, auch in Hogwarts scheint mal die Sonne
Eduard VII. entstammte dem deutschen Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha und auch der amtierende König von Royal County Down ist ein Deutscher: Lord Maximilian von Kieffer. Mit seiner 65 bei den diesjährigen Irish Open gelang ihm nicht nur die beste Turnierrunde, er brach auch den 76 Jahre alten Platzrekord von Lokalmatador Jimmy Bruen. Glücklicherweise spielte ich meine Runde vor diesem Ereignis, sodass mein Caddie Roger keine späte Rache für diesen teutonischen Affront nehmen musste.

Gelegenheit dazu hätte er zuhauf gehabt, denn Markenzeichen von Royal County Down sind die blinden Abschläge. Zwar signalisieren weiße Steine in den Dünen grob die Richtung, aber die Kenntnisse eines Einheimischen sind Gold wert - besonders wenn wie an diesem Tag der Wind mit 50 km/h von der Dundrum Bay bläst. Roger ist Mitglied im Annesley Links, dem bescheidenen Bruder des Championship Links und verdient sich ein Zubrot, indem er Touristen den Weg zeigt, die Grüns liest und mit einem Taschentuch den Sabber aus den Mundwinkeln wischt.

Damit hat er vor allen Dingen auf den ersten neun Löchern zu tun, die der fünfmalige Open-Champion Tom Watson als "die feinsten neun Löcher, die ich jemals gespielt habe," bezeichnete. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen - ob es nun die am Wasser entlangführenden Bahnen sind, das vierte Loch, das einen atemberaubenden Blick über den Platz und den Berg Slieve Donard gewährt, oder das neunte Loch, dessen Fairway nach 150 Metern plötzlich 20 Meter steil in die Tiefe stürzt.

Tatsächlich haben die Front Nine ein so hohes Niveau, dass während der Runde gar nicht auffällt, wie genial die einzelnen Löcher sind. Dies trifft auf die zweiten neun Löcher leider nicht mehr ganz zu. Besonders der dreieckige Tümpel im Fairway der 17 wirkt wie ein Fremdkörper. Dies ändert jedoch nichts daran, dass eine Runde in Royal County Down ein Erlebnis ist, wie es nur wenige im Golf gibt. Deshalb sind in der Hauptsaison auch mal eben 190 Pfund fällig.

Die angenehmsten Orte der Welt: Das Einfallstor für den Wind
Das Einfallstor für den Wind
Deutlich günstiger geht es 30 Kilometer weiter östlich zu. Im Fischerstädtchen Ardglass kostet die Runde in der Woche gerade mal 59 Pfund. Und auch wenn der Platz nicht mit Royal County Down mithalten kann, hat man zumindest beim 19. Loch die Nase vorn: Das 1790 erbaute Ardglass Castle gilt als ältestes Clubhaus der Welt. Anders als in Royal County Down sucht man Dünen hier vergeblich. Stattdessen führt das erste Loch auf eine Klippe, an deren Abgrund man entlang der Irischen See spielt. Doch sobald man sich vom Wasser wegbewegt, setzt ein wenig Tristesse ein. 1970 kaufte der Club zusätzliches Land hinzu, um der steigenden Mitgliederzahl Rechnung zu tragen. Doch das neue Gelände ist so flach und ereignisarm, dass der Legende nach die Caddies von Royal County Down jedem Touristen den Besuch ausredeten. Dies hat sich seit den 90ern jedoch geändert. Damals kaufte der Club ein weiteres Stück Land - und auf ihm entstanden zwei exzellente Löcher, die von einem ginsterbewachsenen Abhang getrennt parallel am Wasser entlangführen.

Besonders das tiefer gelegene Par 5 ist ein Genuss. Kurz und mit Rückenwind spielend, hatte ich eine realistische Eagle-Chance vor mir, die mich mit einem breiten Grinsen nach Belfast zurückfahren ließ.

Dort entdeckte ich am späten Abend dann noch eine ganz andere Seite der 280.000-Einwohner-Stadt. Ob in den Pubs mit so originellen Namen wie "Filthy McNastys", den überraschend exzellenten Restaurants oder den Musikkneipen, in denen Bands wie Snow Patrol ihren ersten Auftritt hatten, überall tummelten sich junge Menschen. Kein Wunder, denn 44 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, wie mich Ken aufklärt. Damit ist Belfast eine der jüngsten Städte.

 
Wohnen

Wohnen

Slieve Donard Hotel
Fast 120 Jahre lang liegt das "Slieve Donard Hotel" bereits am Fuß des gleichnamigen Bergs. Seit 1972 hält die Hastings-Gruppe die 181 Zimmer auf einem modernen Stand, der aber immer noch zum Stil des viktorianischen Hotels passt. Die mit ihren Türmchen ein wenig an ein Märchenschloss erinnernde Luxusherberge liegt nicht nur für Golfer ideal - zum ersten Abschlag von Royal County Down sind es nur wenige Hundert Meter -, auch Musikfans kommen auf ihre Kosten: Die nordirische Legende Van Morrison gibt regelmäßig Konzerte, nach denen man noch einen Absacker in der exquisit sortierten Bar genießen kann.
www.hastingshotels.com/slieve-donard-resort-and-spa

Auch ansonsten hat sich das Image der Stadt stark gewandelt. Die "Renaissance City", wie sie aufgrund ihrer rasanten Entwicklung genannt wird, hat drei Standbeine: den Dienstleistungssektor, die Hightech-Branche und "Game of Thrones". Seit 2010 entsteht in den ehemaligen Lackierhallen der Werft Harland and Wolff die HBO-Fantasy- Saga. Zehntausende besuchen jährlich die nordirischen Drehorte - und machen natürlich auch einen Abstecher in das 2012 eröffnete Titanic-Belfast-Museum. Auf neun Ebenen erfährt man alles über die maritime Geschichte der Stadt und die 1912 hier vom Stapel gelaufene "Titanic". Die Ausstellung (und das im Trockendock liegende letzte Schiff der White Star Line, die "SS Nomadic") zieht jedes Jahr 750.000 Besucher in ihren Bann und ist damit die zweitgrößte Touristenattraktion der irischen Insel nach dem Guinness Storehouse in Dublin.

Dass man aus einer Konstruktion, die für ihren Untergang berühmt wurde, eine Attraktion macht, ist typisch nordirisch. Ebenso wie die Spitze gegen die britischen Nachbarn, die sich mein Begleiter Ken nicht verkneifen kann, als ich ihn darauf anspreche: "Die ,Titanic' war perfekt, als sie Belfast verlassen hat. Das passiert halt, wenn man ein Schiff einem englischen Kapitän und einem schottischen Navigator überlässt."

Golfplätze in der Region

Royal County Down Golfclub

Royal County Down Golfclub

18 Löcher, Par 71, 6.570 m

Adresse
6 Golf Links Rd.
Newcastle, Co. Down
BT33 0AN
Tel. +44 (0)2843.72.33.14
www.royalcountydown.org

Greenfee
70 Euro (Nov. bis Feb.)
105 Euro (März)
145 Euro (April)
ab 250 Euro (Mai bis Okt.)

Für "Golf Digest" ist es der beste Golfplatz außerhalb der USA, für Local Hero Rory McIlory sogar der beste Platz der Welt. Wer hier bestehen will, braucht Vertrauen in den Driver, damit die blinden Abschläge nicht im Desaster enden. Wenn es zudem noch weht, wird es brutal. Das mussten selbst die Profis erfahren: Die Irish Open waren das härteste Turnier der European-Tour-Saison. Doch trotz des hohen Anspruchs schiebt man nie Frust und hat jede Menge Spaß - das Markenzeichen eines perfekten Golfplatzes. Besonders die ersten neun Löcher wird man nie wieder vergessen.

Killerloch
Die 15 ist mit 427 Metern nicht nur das längste Par 4 auf den Back Nine, vom Tee geht es zusätzlich noch nach oben. Wer es nicht bis auf die Kuppe schafft, hat entsprechend einen blinden Schlag. Aber selbst wenn man das Grün sehen kann, ist man nicht sicher. Zwar gibt es keine Bunker, aber das Grün fällt zu allen Seiten steil ab und lenkt den Ball besten
www.royalcountydown.org

Ardglass Golfclub

Ardglass Golfclub

18 Löcher, Par 70, 5.731 m

Adresse
Castle Place
Ardglass
VT30 7TP
Tel. +44 (0)2844.84.12.19
www.ardglassgolfclub.com

Greenfee
75 Euro (Mo.-Fr.), 110 Euro (WE)
60 Euro vom 01.11.-31.03.

Von der Szenerie kann kaum ein Golfplatz mit Ardglass mithalten: Bei der Ankunft erwarten uns eine Burg als Clubhaus, ein erster Abschlag direkt neben der Irischen See und ein erstes Grün auf einer höher gelegenen Klippe. Der spielerische Anspruch hält sich bei unter 6.000 Metern natürlich in Grenzen, aber damit ist Ardglass das perfekte Mittel, um wieder Selbstvertrauen zu tanken, nachdem man von Royal County Down verprügelt wurde. Pars und sogar Birdies sind hier fast schon garantiert und die Löcher am Wasser besitzen eine atemberaubende Schönheit.

Killerloch
Eigentlich sind Par 5s zum Scoren, die 527 Meter lange 9 jedoch hat es in sich. Zwar verfügt das Fairway über eine humane Breite, Fehlschläge werden dafür umso härter bestraft: Ein Slice landet auf der Driving Range, ein Hook entweder im Ginster oder auf Loch 11 - das 20 Meter tiefer liegt. Bis zum Grün wird es nicht besser, zumal das Fairway im Zickzack angelegt ist. Wenn dann noch wie üblich Wind dazukommt, ist man über ein Par mehr als glücklich.




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