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Die angenehmsten Orte der Welt

Nordirland

11.08.2016 | Von Rüdiger Meyer

Nordirland, die wahre Heimat von "Game of Thrones", mag vielleicht klein sein wie Tyrion Lannister. Aber die Golfplätze sind so sexy wie Daenerys Targaryen, wandelbar wie Arya Stark, ehrlich wie Jon Schnee und verzaubern einen wie Melisandre.

Hemmungsloser Sex, Drachen, atemberaubende Landschaften: Gute Argumente sprechen dafür, in Westeros zu leben - zumindest solange man nicht durch einen der zahlreichen Intriganten den Kopf verliert. Ich würde dennoch nicht mit den Charakteren aus George R. R. Martins Romanreihe "Das Lied von Eis und Feuer" tauschen wollen. Denn die daraus entstandene TV-Serie "Game of Thrones" hat einen entscheidenden Makel: Keiner spielt verdammt noch mal Golf.

Eine echte Schande, wenn man bedenkt, wo die Serie entsteht! Denn die HBO-Produktion hat sich mit Nordirland ein Mekka des Golfsports als Hauptquartier ausgesucht: Keine fünf Kilometer von den Titanic Studios entfernt, wo unter strengster Geheimhaltung der Großteil der Serie gedreht wird, lernte Rory McIlroy im Holywood Golf Club das Golfspielen. Noch näher liegen Golf und Fiktion allerdings an der Causeway Coast im Norden des Landes zusammen.

Hier, wo die Natur vor 60 Millionen Jahre mit dem Giant's Causeway eine spektakuläre Felsformation schuf, gibt es nicht nur den weltberühmten Royal Portrush, der 2019 zum Austragungsort der Open Championship berufen wurde, auch zahlreiche weitere Links-Plätze von Weltformat warten auf mich - und versprechen eine besondere Aussicht. Denn wer hier zum richtigen Zeitpunkt den Ball aufteet, kann mit etwas Glück vom Abschlag Jon Schnee, Jaime Lannister oder Theon Graufreud bei der Arbeit sehen.

Ich bin leider etwas zu früh dran, um die pinken Pfeile mit dem Aufdruck "GOT" zu entdecken, die den Weg zu aktuellen Dreharbeiten zeigen. Weil in der kommenden Staffel der Winter nach sechs Jahren nicht mehr naht, sondern endlich da ist, verschieben sich die Aufnahmen um einige Monate in den Herbst. Und tatsächlich ist in Nordirland im April nicht viel vom Winter zu sehen. Während in Deutschland der Schnee eine ungebetene Rückkehr feiert, hole ich mir auf meiner ersten Golfstation tatsächlich einen Sonnenbrand. Dabei bietet der Gracehill Golf Club viel Schatten: Er liegt nämlich inländig.

Die angenehmsten Orte der Welt: Dunluce Castle a.k.a. Castle of Pyke: wo Waterboarding eine Freizeitbeschäftigung istDie angenehmsten Orte der Welt: Dunluce Castle a.k.a. Castle of Pyke: wo Waterboarding eine Freizeitbeschäftigung ist
Dunluce Castle a.k.a. Castle of Pyke: wo Waterboarding eine Freizeitbeschäftigung ist
Sicherlich ist das Spielen eines Parkland-Platzes in Nordirland eine ähnliche Verschwendung wie der Puffgang für einen der kastrierten Unbefleckten aus "Game of Thrones". Aber das 1995 eröffnete Design von Frank Ainsworth hat durchaus seinen Reiz. Zwar bin ich auf den ersten neun Löchern so orientierungslos wie ein Maulwurf bei Tageslicht, da der Club so selten Besucher erhält, dass man weder ein Birdiebook noch Abschlagtafeln oder Entfernungsmarker für nötig gehalten hat. Aber als ich auf drei Clubmitglieder auflaufe, die mich freundlicherweise an die Hand nehmen, wird es besser. Zumal die Back Nine auch die interessanteren - und sportlich anspruchsvolleren - Löcher aufweisen. Und da das Greenfee lächerliche 20 Pfund beträgt, kann sich das Preis-Leistungs-Verhältnis mehr als sehen lassen.

Der Gracehill Golf Club liegt auf einem 1775 gegründeten Anwesen, zu dem einst eine lange Auffahrt gehörte. Die Bregagh Road mit ihren mächtigen, verschlungenen Buchen ist für Normalsterbliche als Dark Hedges bekannt. Thronies wie ich kennen sie hingegen als Strasse nach Königsmund. Gerade mal 30 Sekunden war sie im Auftakt zur zweiten Staffel zu sehen, als Arya Stark vor ihrer Hinrichtung floh. Doch diese halbe Minute reichte, um einen Tourismusmagneten daraus zu machen. Im Zehnminutentakt karren Tourbusse Fans heran, die nicht nur die Idylle stören, sondern auch alberne Herzchen in die Rinde geritzt haben. Nicht nur deshalb sind die Dark Hedges eine gefährdete Attraktion: Im letzten Winter entwurzelte Sturmtief "Gertrude" zwei Buchen. Doch so wie andere aus Limonen Limonade machen, fertigte der nordirische Tourismusverband aus dem Feuerholz zehn Türen mit "Game of Thrones"-Motiven an, die nahe von Drehorten zu finden sind: in Pubs, Cafés - und auch im Gracehill House.

Während die Touristenkarawane mit ihren breiten Bussen auf den schmalen nordirischen Strassen Richtung Süden weiterfährt, um sich im Castle Ward, dem Drehort für die Winterfell-Szenen, das Bogenschießen à la "Game of Thrones" beibringen zu lassen, mache ich mich auf gen Küste, um endlich richtiges Links-Golf zu spielen.

Die angenehmsten Orte der Welt:
Weil sich Royal Portrush gerade auf die Open 2019 vorbereitet und man keinen Platz spielen sollte, der 180 Pfund Greenfee aufruft, obwohl aufgrund der Platzarbeiten drei Wintergrüns angespielt werden müssen, fahre ich zwölf Kilometer weiter in den Castlerock Golf Club. Der 1901 eröffnete und 1908 auf 18 Loch erweiterte Kurs wird angesichts seines berühmten Nachbarn gerne übersehen, besitzt aber einiges an Charakter und Schrulligkeit. Das zeigt sich bereits am Namen von Loch 4, dem Signature Hole: Hammelkeule. Das 200 Yard lange Par 3 bildet die Mitte von drei Löchern, die direkt an der Eisenbahnlinie entlanglaufen, und ist auf der anderen Seite zusätzlich durch einen Bach verteidigt. Auch die nach einer Schlacht auf dem südafrikanischen Spion Kop benannte 12 mit ihrem enormen Hügel im Fairway und die Schwalbenhügel getaufte 13 unterstreichen den leicht kauzigen Charakter der Anlage.

Beschlossen wird die Anlage vom Namensgeber des Meisterschaftsplatzes: Mussenden. Das Par 4, ein 357 Yard langes Dogleg nach rechts, trägt den Namen eines direkt auf der Steilküste gebauten Tempels, der vom Tee sichtbar ist. Auch er bildet eine Verbindung zu "Game of Thrones" - selbst wenn ich sie nicht auf den ersten Blick erkenne. Denn in der Serie wurde der Tempel per Computer entfernt und an seiner Stelle die Heimat der Targaryens, Burg Drachenstein, errichtet. In der Serie sah man sie von Downhill Strand am Fuß der Klippen. Eine kurze Autofahrt bringt mich an den Ort, wo die Rote Priesterin Melisandre die Statuen der sieben Götter verbrannt hat.

Doch nicht nur die Region der Kronlande entdecke ich an der nordirischen Küste: Fast die gesamten sieben Königreiche von "Game of Thrones" wurden hier schon in Szene gesetzt, allen voran die Sturmlande: Mithilfe von zusätzlichen Felsen aus dem Computer verwandelte man die Ruine von Dunluce Castle zu Pyke, der Heimat der Graufreuds. Und der Ballintoy Harbour ist so pittoresk, dass es nicht einmal Computertricks brauchte, um Theon Graufreud in seiner Heimat anlegen zu lassen.

Dass eine so große Hollywood-Produktion überhaupt nach Nordirland kam, ist Romanautor George R. R. Martin zu verdanken. Denn seine fiktive Welt Westeros ist den britischen Inseln nachempfunden. Der nördliche Teil ähnelt Großbritannien und hat die gigantische Mauer direkt an der Stelle, an der in der Realität der Hadrianswall liegt. Und der Süden von Westeros ist die auf den Kopf gestellte irische Insel. Dass die Serie ein weltweiter Hit wurde, war für die Tourimusindustrie ein Segen. Eine Werbewirkung von neun Millionen Pfund soll "Game of Thrones" jährlich Nordirland bescheren. Seit dem Start der Serie im Jahr 2011 ist die Zahl der ausländischen Besucher im kleinsten Teil des Vereinigten Königreichs jedes Jahr gestiegen. Ein Großteil davon geht auf "Game of Thrones"- Fans zurück. Ein anderer auf Golfer, die erkannt haben, dass es hier grandiose Plätze gibt.

Die angenehmsten Orte der Welt: Dark Hedges: Das kommt dabei heraus, wenn man sich drei Monate nicht rasiert
Dark Hedges: Das kommt dabei heraus, wenn man sich drei Monate nicht rasiert
Und nirgends überschneiden sich beide Gruppen wie in Portstewart. Denn die Dünen des ewig langen Sandstrands stellten in der Serie den Wüstenstaat Dorne dar. Die in dem sonnigen Königreich spielenden Szenen werden aufgrund des Klimas eigentlich in Sevilla gedreht, aber für die Ankunft von Jaime Lannister und Bron machte man eine Ausnahme. In den mächtigen Dünen lieferten sie sich einen Schwertkampf mit berittenen Soldaten. Und hätte die Kamera dabei nur ein wenig aufgezogen, wäre das zweite Tee des Strand Course von Portstewart jetzt in "Game of Thrones" verewigt.

Der 1894 gegründete Club stieg erst 90 Jahre später in die Elite der britischen Golfclubs auf. 1986 kaufte Portstewart neues Land hinzu und der Lehrer Des Giffin errichtete darauf sieben neue Löcher, die mir die Kinnlade herunterfallen lassen. Portstewart Strand beginnt mit dem besten Eröffnungsloch Irlands: ein vom höchsten Punkt der Anlage tief in eine Senke führendes Par 4, das daraufhin in einem Dogleg nach rechts auf das vom Tee unsichtbare Grün führt. Die folgenden Löcher sind nicht weniger spektakulär: So wird Loch 2 links von einer so imposanten Düne begrenzt, dass man Angst haben muss, dass Donald Trump sie nachts klaut und auf seinen Trump International Golf Links verfrachtet.

Es gibt auf der Welt kaum Plätze, die spektakulärere Dünen als die Front Nine von Portstewart Strand zu bieten haben. Entsprechend anspruchsvoll gestaltet sich die Runde bei Wind. Glücklicherweise habe ich eine Woche erwischt, in der sich Nordirland von seiner sanften Seite zeigt, und laufe mit einem breiten Grinsen über den Platz. Auch auf den Back Nine, die sich durch flacheres Terrain bewegen, ist der Fun-Faktor extrem hoch - sei es beim blinden Abschlag an der 16 oder dem spektakulären Grün der 17, das man nicht links verfehlen sollte, wo eine sieben Meter tiefe Senke lauert.

36 weitere Löcher gibt es in Portstewart, doch die müssen genau wie die 36 Löcher von Royal Portrush, die 18 Löcher vom Ballycastle Golf Club und die neun weiteren Löcher von Castlerock auf den nächsten Besuch warten. Bis dahin gibt es sicherlich zahlreiche neue "Game of Thrones"-Locations zu entdecken. Zwei weitere Staffeln der Serie sind geplant. Und wer weiß? Vielleicht wird bis dahin ja auch in Westeros der Golfsport erfunden.

Golfplätze in der Region

PORTSTEWART GOLF CLUB STRAND COURSE

PORTSTEWART GOLF CLUB STRAND COURSE

18 Löcher, Par 72, 6.404 Meter

Adresse
117 Strand Rd., Portstewart BT55
7PG, Vereinigtes Königreich
Tel. +44 2870.83.20.15
www.portstewartgc.co.uk

Greenfee
ca. 156 Euro (01. Mai bis 30. Sept.) ca. 96 Euro (April und Oktober)

Die Front Nine des Platzes sind eine Offenbarung. Sehr viel spektakulärer kann Links-Golf nicht sein als zwischen diesen Dünen. Immer wieder gibt es atemberaubende Schläge in die Tiefe oder auf höher gelegte Grüns und dennoch sind auf den Fairways auch die subtilen Ondulierungen beibehalten worden. Ein echter Macho-Platz, der aber anders als seine modernen Kollegen nicht "Macho!" schreit. Auf den Back Nine geht es etwas ruhiger zu, aber dafür bietet der River Bann optische Reize.

Killerloch
Die 5 trägt nicht umsonst den Stroke Index 1. Mit einer Länge von 421 Metern von den Backtees ist sie sogar bei Windstille noch ein richtiger Brecher. Zwar geht es vom Tee stark bergab, aber wer hier nicht das Fairway mit dem Ball und den Ball mit dem Sweet Spot trifft, kann das Green in Regulation vergessen.
www.portstewartgc.co.uk

CASTLEROCK MUSSENDEN COURSE

CASTLEROCK MUSSENDEN COURSE

18 Löcher, Par 73, 6.222 Meter

Adresse
65 Circular Road
Castlerock, Co. Londonderry BT51 4TJ
Tel. +44 2870.84.83.14
www.castlerockgo.co.uk

Greenfee
ca. 114 Euro (01. April bis 31. Sept.) ca. 42 Euro (Nebensaison)

In Irland ist der Par-Wert der Plätze ja eher mal unter 72. Nicht so in Castlerock. Der Mussenden ist für Herren ein Par 73, für Damen sogar ein Par 75. Nichtsdestotrotz ist der Platz kein Push-over. Dafür sorgen allein schon die Bahnen 3 bis 5, auf denen rechtshändige Slicer eher ein Trainie als ein Birdie erzielen können. Spannend wird es aber erst ab Bahn 7 und 8, wenn der Kurs kurz in die Dünen wandert und ein paar echte Links-Golf-Leckerbissen liefert.

Killerloch
Auf dem Spion Kop erlitten die Briten im Zweiten Burenkrieg eine empfindliche Niederlage und auch auf der nach ihr benannten 12 gibt es für Golfer nur selten ein Triumpherlebnis. Das 393 Meter lange Par 4 ist an sich schon schwer genug. Aber wer seinen Drive auf die linke Hälfte des Fairways schlägt, muss den Schlag ins Grün blind um oder über den Hügel navigieren.
www.castlerockgo.co.uk

GRACEHILL HOUSE GOLF CLUB

GRACEHILL HOUSE GOLF CLUB

18 Löcher, Par 72, 5.971 Meter

Adresse
41 Ballinlea Rd.
Stranocum, Ballymoney BT53 8PX
Tel. +44 2820.75.12.09
www.gracehillhouse.com

Greenfee
ca. 31 Euro

Die ersten Löcher sind ein wenig zum Einschlafen. Ohne Besonderheiten bewegen sich die meisten von ihnen parallel nebeneinander her. Das Highlight auf den Front Nine bildet die 6 mit ihrem Punchbowl-Grün. Die Back Nine drehen dann jedoch auf, bieten Doglegs, mehr Bäume und variabler gestaltete Löcher. Etwas extrem ist aber die 15 geworden, deren Teebox allein 50 Meter lang ist. Weil dahinter noch über 100 Meter Heide warten, gibt es tatsächlich Spieler, die vom Abschlag mit einem Chip auf der Teebox vorlegen müssen.

Killerloch
Es ist äußerst selten, dass ein Par 3 das schwierigste Loch auf dem Platz ist. Aber die treffend "Wing 'n a prayer" betitelte 13 gehört zu diesen Ausnahmen. Allein schon die Länge von 193 Metern macht es schwierig, dazu muss man die ersten 150 davon carry über einen Teich spielen.
www.gracehillhouse.com




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