Für Aaron war es die Krönung eines ganz besonderen Sommers. Ende Juli hatte er die indische Profi-Golferin Gaurika Bishnoi geheiratet und die Flitterwochen nach den Majors unter anderem damit verbracht, seine frischgebackene Ehefrau bei der Hero Women's Indian Open als Caddie zu unterstützen. "Als ich nach acht Wochen Pause wieder in Abu Dhabi angetreten bin, hatte ich keinerlei Erwartungen, was ironischerweise vielleicht sogar ein Teil des Erfolgsrezepts war. Die Kombination aus gutem Training und meinem privaten Glück im Hintergrund hat sich als Glücksfall erwiesen."


»ICH HABE BALD GEMERKT, DASS MIR GOLF BESSER LIEGT, UND DAMIT HATTE SICH DER FORMEL-1-TRAUM FÜR MICH DANN ERLEDIGT.«
Rais golferischer Werdegang beginnt bereits im Alter von zwei Jahren. Mit zwei älteren Schwestern und einem älteren Bruder ist der am 03. März 1995 geborene Aaron das Nesthäkchen der Familie und sieht, wie hart seine Eltern arbeiten, um ihnen einen angemessenen Lebensstandard in Wolverhampton zu bieten. Seine Mutter Dalvir Shukla arbeitet als psychiatrische Krankenpflegerin und verdient sich als Aerobic-Lehrerin etwas dazu, Vater Amrik ist bei der Stadt angestellt. "Mein Vater hat in einem öffentlichen Park gearbeitet. Er und seine Freunde spielten dort ab und zu Golf und er hat mich öfter mitgenommen", erinnert sich Aaron an seine ganz frühe Kindheit. Mit zwei oder drei Jahren bekommt er seine ersten Plastikschläger - auch aus Sicherheitsgründen. Weil er mit den Hockeyschlägern seins Bruders spielt und sich ständig blaue Flecke holt, zieht seine Mutter die Reißleine. Sein Vater hat jedoch einen anderen Sport für Aaron vorgesehen. Amrik ist begeisterter Tennisspieler und hofft, dass Aaron in seine Fußstapfen tritt. Doch als er den Schwung des Filius sieht, ist Amrik klar, dass Golf die bessere Option ist. "Uns wurde ein Dreilochplatz in der Gegend empfohlen, zu dem mich meine Eltern immer gefahren haben", erinnert sich Rai.
Im 3 Hammers Golf Complex trifft Aaron einen der einflussreichsten Menschen für seine Karriere. Golflehrer Shaun Ball bringt ihm die Grundlagen des Spiels bei. "Mit vier Jahren habe ich in der U12-Division mein erstes Turnier gespielt. Ich habe die Nettowertung gewonnen und wurde Zweiter brutto", erinnert er sich. Kurz darauf gewinnt Aaron ein Event mit einem aus heutiger Sicht fast prophetischen Namen: "Search for a Star". Den zweiten wichtigen Förderer trifft Aaron ein Jahr später, als sein Vater ihn in den Patshull Park Golf Club mitnimmt, wo Justin Rose seinen ersten Turniersieg als Junior gefeiert hat. Der Pöks zieht sofort die Blicke vieler Mitglieder auf sich, die ihn wie eine Zirkusattraktion zwölf Löcher lang begleiten. Der Wirbel auf seiner Anlage bleibt auch dem damaligen Eigentümer Shabir Randeree nicht verborgen. Der Banker wird zum Freund der Familie, bezahlt Aarons Golfunterricht und unterstützt auch dessen schulische Bildung finanziell. "Dank ihm konnte ich meine golferische Ausbildung ohne finanziellen Druck genießen. Aber genauso wichtig waren für mich sein Glaube an mich und seine moralische Unterstützung", zollt Rai seinem Mentor Tribut.

Trotz des Erfolgs in jungen Jahren bleibt Golf aber nicht die ganze Zeit die Ultima Ratio für Rai. Als die BBC das Golf-Wunderkind im Jahr 2000 interviewt und nach seinem Berufwunsch fragt, antwortet er: "Rennfahrer!", und bricht in ein kindliches Lachen aus. "Das hat sich dann aber schon mit acht oder neun Jahren gelegt", schmunzelt Rai heute. "Ich habe es geliebt, Formel 1 zu gucken, und Michael Schumacher bewundert.
Er fuhr für meinen Lieblingsstall Ferrari. Aber ich habe bald gemerkt, dass mir Golf besser liegt, und damit hatte sich der Formel-1-Traum für mich dann erledigt." Eine andere Option wäre es gewesen, nach der Schule zu studieren, insbesondere weil Bildung in der indischen Kultur einen hohen Stellenwert hat. "Vermutlich hätte ich etwas studiert, mit dem ich anschließend Anwalt oder Investmentbanker hätte werden können." Dass Rai den richtigen Weg eingeschlagen hat, zeigen bisher knapp 20 Millionen Dollar an gewonnenem Preisgeld und ein Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde.
Als 15-Jähriger nimmt Aaron Rai an einem Putt-Wettbewerb teil, der ein neues Trainingsgerät bewerben soll: den Lee Westwood Putt Master. Das simple Gerät hilft dabei, gerade durch den Ball zu gehen, und spornt den Teenager zu einer wahren Meisterleistung an: Aus gut drei Metern versenkt Aaron sage und schreibe 207 Putts in Folge, womit er den vorherigen Guinness World Record von 136 regelrecht pulverisiert. "Der alte Rekord hatte für 18 Monate Bestand", erinnert sich Rai an jenen Tag zurück. "Ich weiß noch, dass ich bei meinen ersten beiden Anläufen nur ganz wenige Putts versenkt habe. Aber im dritten Versuch hatte ich dann einen Lauf." Als wir ihn fragen, ob er das Gerät noch heute besitzt, muss er nicht lange überlegen. "Es steht in meinem Trophäenschrank. Ich habe es als Andenken behalten, aber ich benutze es kaum noch."

Steckbrief
NameAARON RAI
Jahrgang
1995
Wohnort
WOLVERHAMPTON, ENGLAND
Profi seit
2012
Weltrangliste
PLATZ 25 (JAN. '26)
Beste Runde
62 (SHRINERS CHILDREN'S OPEN)
Lieblingsverein
MANCHESTER UNITED
Erfolge
2017
BARCLAYS KENYA OPEN
ANDALUCÍA COSTA DEL SOL MATCH PLAY 9
2018
HONMA HONG KONG OPEN
2020
SCOTTISH OPEN
2024
WYNDHAM CHAMPIONSHIP
2025
ABU DHABI HSBC CHAMPIONSHIP
Es wäre vielleicht nicht schlecht, ihn mal wieder abzustauben, denn ironischerweise ist das Putten mittlerweile der schwächste Teil in seinem Spiel. Dafür ist Aaron Rai vom Tee zum Grün einer der komplettesten Spieler auf der PGA Tour geworden. Als perfekten Spieler sieht er sich dennoch nicht. "Es gibt immer Raum für Verbesserungen. Aber wie man da herangeht, ist eine Kunst für sich, weil man sich beim Versuch, besser zu werden, immer auch verschlechtern kann. Das Geheimnis liegt darin, das zu etablieren, worin man gut ist, und die Schwächen ganz langsam wegzuknabbern."
Keine Frage: Aaron Rai tut sich schwer mit Veränderungen. Das ist auch der Grund hinter den zwei bemerkenswertesten Details seines Spiels. Das Erste ist, dass er an beiden Händen einen schwarzen Golfhandschuh trägt, egal ob es regnet oder 30 Grad in der Sonne herrschen. "Ursprünglich habe ich zwei Handschuhe getragen, um meine Hände in den britischen Wintermonaten warm zu halten", rechtfertigt er seinen ungewöhnlichen Style. "Und als dann der nächste Sommer kam, hatte ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich es mir nicht wieder angewöhnen konnte, mit nur einem zu spielen." Das andere Ungewöhnliche für einen Spieler seiner Klasse ist, dass er keinen festen Equipment-Sponsor hat. Bis Ende des vergangenen Jahres hat man ihn daher auch noch mit einem sechs Jahre alten TaylorMade M6 Driver spielen sehen. Zuletzt experimentierte er mit einem neuen TaylorMade-Modell und einem Ping-Driver, aber es ist gut möglich, dass er, wenn es drauf ankommt, wieder zum Vertrauten zurückkehrt. "Bei allen neueren Drivern, die ich bis dato ausprobiert habe, hat es mir an Genauigkeit gefehlt und ich hatte weniger Vielseitigkeit beim Spielen der Schläge. Statt dem Neuesten nachzujagen, bin ich deshalb bis jetzt bei dem geblieben, was ich kenne." Eine Aussage, an der sich viele Amateure ein Beispiel nehmen könnten. Man muss also schlagkräftige Argumente haben, um Aaron Rai von einem Produkt zu überzeugen. Umso bemerkenswerter, dass der Mann aus Wolverhampton im Winter einen Vertrag bei Ecco Golf unterschrieben hat.



