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Golfpunks dieser Welt

Ed 'Porky' Oliver

18.10.2016 | Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images

Vorliebe für Rippchen, Schwierigkeiten, die Uhr zu lesen, und ein Schwung wie aus dem Bilderbuch - Typen wie Ed 'Porky' Oliver gibt es heute auf der Tour nicht mehr. Moment mal...

Mit seinem Spitznamen "Beef" sorgte Andrew Johnston in den letzten Monaten für Furore. Bereits 60 Jahre vor dem Engländer gab es jedoch einen anderen Fleischliebhaber auf der Tour: Ed Oliver. Der bullige Amerikaner ging mit seiner Leidenschaft fürs Essen sogar so weit, dass er zu jedem Turnier mit einem Kombi anreiste, in den er eigens zwei Kühlschränke einbauen ließ. Seine Golfkarriere erinnert allerdings an einen anderen Briten: Lee Westwood. Denn der Mann aus Wilmington, Delaware, wurde bekannt dafür, dass ihm von der Western Open 1941 abgesehen der ganz große Sieg immer wieder aus den Fingern glitt.

Seine Karriere als "America's runner-up", wie ihn die Medien bezeichneten, begann bei der PGA Championship 1946. Nach K.o.-Siegen über Byron Nelson und Harold McSpaden traf er im Finale auf Ben Hogan, der in den Jahren zuvor alles in Grund und Boden gespielt hatte, aber immer noch auf seinen ersten Major-Titel wartete. Nach 18 Löchern hatte Oliver den großen Favoriten fest im Griff und führte mit 3 auf. Unglücklicherweise ging das Finale über 36 Löcher, und während der Hüne die Pause nutzte, um seinen Kalorienhaushalt aufzufüllen, wanderte Hogan auf die Driving Range, um die Fehler in seinem Schwung auszuradieren. Die Strategie des "Hawk" ging auf. In der Nachmittags-Session bekam Oliver keinen Fuß mehr auf die Erde, gab seinen Vorsprung schnell aus der Hand und musste sich am Ende mit 6&4 geschlagen geben. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Hogan ihm einen Triumph zunichtemachen sollte.

Beim Masters 1953 stellte Oliver mit 9 unter Par den Turnierrekord ein - ein Ergebnis, das bis 1964 zumindest immer für ein Play-off gereicht hätte. Doch Hogan spielte wie von einem anderen Stern, kam mit 14 unter Par ins Clubhaus und verwies Oliver erneut auf den undankbaren zweiten Platz. Von solchen Dingen ließ sich Ed allerdings nicht unterkriegen, hatte er doch schon eine deutlich härtere Niederlage überwunden. Bei der US Open 1940 hatte das Schwergewicht schon eine Hand am Pokal. Mit einer morgendlichen 70 in der dritten Runde katapultierte er sich in die Spitzengruppe. Während des Mittagessens erfuhren Oliver, Dutch Harrison, Ky Laffoon, Claude Harmon, Leland Gibson und John Bulla, dass ein Gewitter im Anzug wäre. Sie schlangen ihr Essen runter, liefen zum ersten Abschlag, wo Starter Joe Dey noch durch Abwesenheit glänzte, und schlugen ab. Während die anderen fünf keine Rolle für das Turnier spielten, ging Oliver als Ko-Führender mit Gene Sarazen und Lawson Little auf die letzte Bahn, als er auf dem Leaderboard plötzlich ein DQ hinter seinem Namen sah. Weil sie 22 Minuten zu früh abgeschlagen hatten, disqualifizierte die USGA das Sextett und ließ sich auch nicht von Sarazen und Little dazu bewegen, Oliver ins Play-off aufzunehmen. Selbst Walter Hagen hatte Mitleid mit ihm und klopfte Ed in der Umkleidekabine auf die Schulter: "Junge, das hier sieht für dich sicher nach einer Tragödie aus. Aber du wirst schon bald herausfinden, dass dich das hier zur grössten Nummer im Golfsport machen wird." Der 25-Jährige hatte allerdings ganz andere Sorgen, wie er Reportern verriet: "Es geht nicht nur um die Ehre, die US Open zu gewinnen. Ich brauche das Geld und ich brauche es dringend." Eine Woche später bekam er es: Bei der St. Paul Open spielte er seine Rivalen aus der Vorwoche an die Wand und kassierte ein Preisgeld von 1.600 Dollar.

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ES GEHT NICHT NUR UM DIE EHRE, DIE US OPEN ZU GEWINNEN. ICH BRAUCHE DAS GELD UND ICH BRAUCHE ES DRINGEND.
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Ein kleines Vermögen für den 1915 in Wilmington geborenen Oliver, der seinen ersten Kontakt mit dem Golfsport als Caddie hatte. 50 Cent kassierte er pro Runde im Du Pont Country Club und anschließend im Wilmington Country Club. Genug Geld, um sich zur damaligen Zeit zwei Liter Milch zu kaufen - oder in Olivers Währung: ein saftiges Steak. Aber viel wichtiger als der finanzielle Anreiz war die Chance, nebenbei das Golfspiel zu lernen. Oliver erwies sich als enormes Talent, das laut dem "Great Delaware Sports Book" im Großraum Philadelphia zwei Caddiemeisterschaften in Folge gewann. Zwar war er auch damals schon von fülliger Natur, seinen damaligen Kosenamen "Snowball" verdiente er sich allerdings nicht durch seinen kugelrunden Bauch, sondern durch seine Vorliebe für Schneeballschlachten. Der Spitzname verfolgte Ed in den Lokalzeitungen von Delaware noch bis in seine frühe Profizeit. Erst als die Profikollegen sahen, wie sich Oliver während der Runden oft vier Hot Dogs am Stück reinpfiff, erkannten sie, dass ein neuer Spitzname hermusste: "Porky" Oliver war geboren.

1933 beschlossen drei Mitglieder des Wilmington Country Club, dass der mittlerweile zum Assistenztrainer aufgestiegene Oliver unterfordert sei. Bill Denham, Simpson Dean und Sonny Baker legten 1.000 Dollar zusammen, um ihrem "Snowball" den Weg auf die PGA Tour zu ermöglichen. Keine Frage, der kräftige Oliver hatte allein schon wegen seiner Long-Hitter-Qualitäten das Zeug für die Tour. Dass es bis zu seinem ersten Sieg einige Jahre brauchte, lag daran, dass es ihm an der Finesse fehlte. Ständig wechselte er den Putter in der Hoffnung endlich das Erfolgsrezept zu finden, aber erfolglos. "Ich musste regelmäßig eine 63er-Runde spielen, um eine 68er-Runde herauszubekommen", zitierte Autor Doug Gelbert den alternden Star. Dass dieser dennoch nicht am Hungertuch nagen musste, lag an einem Mann, der bis zu Olivers Tod ein enger Vertrauter blieb: Sam Snead. "Slammin' Sammy" und "Porky" bildeten ein erfolgreiches Fourball-Team, das in dem damals deutlich populäreren Format auf Privatrunden und in Turnieren etliche Erfolge feierte.

Dennoch blieb Oliver lange Zeit nur Halbprofi. Im Sommer arbeitete er im Hornell Country Club als Teaching Professional, im Winter tingelte er über die PGA Tour. Erst 1940 beschloss Porky, sich voll als Touring Pro zu versuchen - und hatte unmittelbar Erfolg. Bei Bing Crosbys jährlichem Turnier, an dem 350 Profis und Prominente teilnahmen, triumphierte Oliver mit einem Turnierrekord von 135 Schlägen. Nicht nur deshalb wurde das Crosby Clambake zu einem von Olivers Lieblings-Turnieren. Hier spielte er regelmäßig mit seinem guten Freund Johnny "Tarzan" Weissmüller als Pro-Am-Team und hier sorgte er 1954 für einen Moment für die Ewigkeit. An der legendären 16. Bahn, ein Par 3 mit 200 Yards carry über den Pazifik, jagte er vier Abschläge ins Wasser, stieg an den Strand hinunter, fand seinen ersten Ball und brauchte trotzdem noch 15 Schläge ins Loch. "Ich war noch nie in meinem Leben so froh, von einem Ort wegzukommen. Ich war 33 Minuten am Strand mit röhrenden Seelöwen und klatschenden Robben. Es war eine gespenstische Erfahrung", erklärte er im Anschluss den höchsten Score seiner Golfkarriere. "Bisher hatte ich lediglich eine 11 auf der Scorekarte - und das war mit Strafschlägen."

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Auch wegen dieser "Grip It and Rip It"-Mentalität avancierte "Porky" Oliver schnell zum Publikumsliebling. "Mit seinem zerknitterten Fellhut und seiner ausgefallenen Kleidung läuft er völlig unbekümmert über den Platz, lacht und albert herum", beschrieb ihn eine texanische Zeitung. Doch Olivers Art kam nicht überall an. Während eines Gastspiels in Australien trieb er Lokalmatador Norman von Nida in den Wahnsinn. "Ich finde, der Golfplatz sollte nicht zum Zirkus verkommen", ätzte von Nida. "Er hat mich genervt, indem er mit Zuschauern herumgealbert hat und mit Münzen klimperte, während ich puttete." Oliver gab sich unbeeindruckt: "Nicht mein Herumgealbere, sondern sein schlechtes Spiel hat ihn aufgeregt. Von Nida sollte realisieren, dass wir für die Zuschauer spielen." Innerlich schien es den amerikanischen Gast allerdings schwer getroffen zu haben. Am nächsten Tag zog er mit einem Score von 5 über Par nach neun Löchern zurück. Gerüchte, dass die beiden Streithähne zuvor eine Wette über 200 Pfund abgeschlossen hätten, ließen beide unbestätigt.

Gut möglich, dass "Porky" ein Major gewonnen hätte, wenn nicht der Zweite Weltkrieg gekommen wäre. Auf dem Höhepunkt seiner Leistungen verpflichtete er sich 1942 vier Jahre für die Armee und arbeitete in New Jersey in einer Abteilung für den Pferdenachschub. Bereits nach acht Tagen wurde er zum Acting Corporal befördert. Ein Umstand, der vermutlich seinem Prominentenstatus geschuldet war, auch wenn seine Leistung beim Einstellungstest exzellent war. "Ich habe an dem Tag gut geraten", gab er sich in einem Zeitungsinterview bescheiden. Doch das Wichtigste, was er in der Armee fand, war nicht sein Rang, sondern die Frau des Lebens. Im Dienst traf er Clare Hee, die als Krankenschwester im Camp Tilton arbeitete. Im Februar 1942 fand die Hochzeit statt.

Als der Krieg vorbei war, erlebte Oliver das beste Jahr seiner Karriere. Doch paradoxerweise waren es just diese Erfolge, die ihn dem Tourleben den Rücken zukehren ließen. "Ich war Vierter in der Geldrangliste, aber nachdem ich meine Steuern gezahlt und meine Ausgaben abgezogen hatte, erkannte ich mein Einkommen nicht mehr. Ich bin ein Familienvater mit drei Kindern und es ist überfällig, sesshaft zu werden", erklärte der 33-Jährige seinen Wechsel zum Teaching Pro in den Inglewood Golf Club. Die prominente Verpflichtung war für den Club in Seattle ein voller Erfolg: Die Mitgliedszahlen verdoppelten sich - auch weil Oliver Freunde wie Sam Snead oder Jimmy Demaret zu Golf-Vorführungen überreden konnte.

Ein Denkmal setzte ihm dann allerdings doch nur der Wilmington Country Club, der sich 1983 in Ed Oliver Golf Club umbenannte. Erleben konnte "Porky" diese Ehrung nicht mehr. 1960 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Als sich sein Zustand verschlechterte, wurde noch einmal deutlich, wie sehr er den Golfsport beeinflusst hatte. Unter der Schirmherrschaft von Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy wurden im ganzen Land "Porky Oliver Days" abgehalten, um Geld für seine Behandlung zu sammeln. Doch am 21. September 1961 raffte ihn der Krebs dahin. Was von "Porky" Oliver blieb, war ein Lebensmotto, von dem sich heutige Tourspieler oft eine Scheibe abschneiden könnten: "Geld ist wichtig, aber ohne Lacher wäre das Leben den Kampf nicht wert."




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