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Anser: 50 Jahre alt und das erfolgreichste Puttermodell. Der TR 1966 Anser 2 (r.) ist mit 340 Gramm etwas schwerer.

Ping

Karsten hat die Antwort

02.03.2016 | Von Jan Langenbein

Unter den großen Golfmarken Amerikas ist Ping das letzte Familienunternehmen. Ein Besuch in der Wüste macht klar, warum diese Firma anders ist als alle anderen und in ihrer Geschichte einige der erfolgreichsten Designs der Golfgeschichte entwickeln konnte.

Sucht man im Auto sitzend den Firmensitz von Ping in Phoenix, muss man die Augen offen halten. Zwar ist das Hauptquartier riesig, große Ping-Logos, Fahnen oder gar Neonreklame sucht man allerdings vergeblich. "Karsten Manufacturing Corporation" steht auf einer der zweckmäßigen Lagerhallen, das muss genügen und zeigt doch, wer hier die Wurzeln einer der bemerkenswertesten Geschichten im Golfsport gelegt hat.

Auf der Tour über das Gelände zeigt uns Pete Samuels, Marketing-Direktor bei Ping, eine kleine Straße, die in den 60ern noch das Firmengelände begrenzte, heute jedoch nach Jahrzehnten des steten Wachstums mitten durch den Betrieb hindurchführt. "Früher war das eine ganz normale Straße, offen für den Verkehr. Da wir irgendwann das ganze angrenzende Land besaßen, erlaubte uns die Stadt nicht nur, die Straße für den Durchgangsverkehr zu schließen, sondern gab ihr auch gleich einen neuen Namen. Aus der bisherigen Nummer wurde Karsten's Way. Unter den Angestellten sorgte das für den Spruch "Der einzige Weg hierein ist Karstens Weg." Was im Klartext bedeutet, dass der Chef wirklich in alles eingebunden war.

Die Rede ist selbstverständlich von Karsten Solheim, jenem in Norwegen geborenen Ingenieur, der mit seiner Familie bereits im Kindesalter in die USA auswanderte, dort zunächst im Schusterbetrieb seines Vaters mithalf, später als Türklinkenputzer Töpfe und Pfannen an Hausfrauen verkaufte und während des Zweiten Weltkriegs als Ingenieur beim Flugzeughersteller Convair an der Entwicklung eines Fahrgestells arbeitete, das es Flugzeugen ermöglichte, auf Flugzeugträgern zu landen, bevor er bei General Electric einen tragbaren Fernseher und eine Sortiermaschine für Schecks der Bank of America erfand.

Ping: Karsten Solheim (l.). 1967 wurde das charakteristische Design des Anser-Putters patentiertPing: Karsten Solheim (l.). 1967 wurde das charakteristische Design des Anser-Putters patentiert
Karsten Solheim (l.). 1967 wurde das charakteristische Design des Anser-Putters patentiert

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WIE SOLHEIM ES AUSDRÜCKTE: ,WIR GEBEN UNSEREN KUNDEN NICHT, WAS SIE WOLLEN, WIR GEBEN IHNEN, WAS SIE BRAUCHEN.'
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Über die unglaubliche Geschichte des Karsten Solheim sind unzählige Magazinartikel und eine ausführliche Biografie erschienen. Natürlich lässt keine Veröffentlichung die Anekdote aus, in der Ingenieure von General Electric ihren Kollegen Karsten mit auf eine Golfrunde - seine erste überhaupt - nahmen, er sich selbstverständlich äußerst schwertat, dieses Versagen aber nicht auf den eigenen Anfängerstatus, sondern auf das ihm zur Verfügung stehende Equipment schob. Wie Karsten Solheim 1959 daraufhin in seiner Garage einen eigenen Putter1 entwickelte und 1966 schließlich mit einem neuen Cavity-Design und einem tiefer liegenden Schwerpunkt den Anser2-Putter erschuf, der sich als nichts Geringeres als das erfolgreichste Puttermodell aller Zeiten herausstellen sollte. Wir sind aber nicht nach Phoenix gekommen, um diese Geschichte zum tausendsten Mal zu erzählen, sondern wollen wissen, wie man heute bei Ping Schläger baut; schließlich ist der Mann, der die Firma gründete und an dem kein Weg vorbeiführte, weil er bis ins hohe Alter noch in den Designprozess jedes neuen Schlägers eingebunden war, bereits seit mehr als 16 Jahren tot.

Wie wir beim Treffen mit den wichtigsten Köpfen der Entwicklungs- und Forschungsabteilung bei Ping schnell erfahren, wurde die Fackel des Wissens und der Neugier in der Familie Solheim vom Vater auf den Sohn weitergegeben, denn wie sein Dad trifft sich auch John Solheim, der mittlerweile mehr als 55 Jahre Erfahrung im Golf-Business hat, einmal die Woche mit seinen Entwicklern und Designern, um neue Technologien und Designansätze zu besprechen, und bei diesen Meetings geht es nicht um grobe Strategien. Hier treffen sich Technik-Nerds und sprechen eine Sprache, die Außenstehende so ratlos zurücklässt wie Penny, wenn Sheldon Cooper von seiner letzten wissenschaftlichen Veröffentlichung schwadroniert.

"Wir sind ein von Ingenieuren geführtes Unternehmen, das zwar Produkte entwickelt und produziert, unser Ziel ist jedoch, Wissen zu generieren", erklärt uns Erik Henrikson, Leiter der Forschungsgruppe Innovation & Fitting bei Ping. "Wir beschäftigen uns nicht so sehr damit, einzelne Features, die zurzeit im Schlägerbau vielleicht gerade angesagt sind, in unsere Produkte zu integrieren, sondern wir wollen den Wissensschatz unseres Unternehmens vergrößern und verbringen deshalb viel Zeit mit Grundlagenforschung, um zu verstehen, was passiert, wenn ein Golfschläger auf einen Ball trifft." So wird schnell klar, dass die Entwicklungsabteilung von Ping mehr wie eine Universität als ein Unternehmen funktioniert. Zusammen mit seinen Kollegen arbeitet Erik Tag für Tag an Fragen, die sich um Materialkunde, Aerodynamik oder grundlegende Physik drehen, ohne dass dabei unbedingt ein schlägerbauspezifisches Problem der Anlass wäre. Diese Forschungen, die wissenschaftlichen Arbeiten gleichen, werden dann nach einem von Karsten Solheim eingeführten System dokumentiert und in der Ping Knowledge Library archiviert. Wann immer ein Schlägerdesigner bei Ping also auf ein spezifisches Problem stößt, kann er in der unternehmenseigenen Bibliothek nach Forschungsergebnissen zu diesem Thema suchen, denn die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass sich in der Vergangenheit schon einmal ein Kollege aus der Forschungsabteilung mit diesem Problem beschäftigt und eine Abhandlung darüber geschrieben hat. Die Bibliothek ist mittlerweile so umfangreich, dass sogar Statistiken über den Aufruf einzelner Arbeiten geführt werden. Paul Wood4 wollte vor Kurzem wissen, wie viele Dokumente 2015 von mindestens fünf oder mehr Kollegen eingesehen wurden: "Ich habe nachgeforscht und kam auf 550."

Seit 50 Jahren wächst diese Bibliothek des Wissens, sie ist jedoch nicht das gesamte Gehirn des Unternehmens, denn daneben gibt es noch eine zweite Bibliothek, die sämtliche Testergebnisse mit Prototypen und fertigen Schlägern auf der firmeneigenen Driving Range archiviert. Dort schlägt Ping-Man, ein Roboter, nämlich täglich Hunderte Bälle und liefert Daten im Überfluss. Es ist jedoch nicht nur der Roboter, der Testergebnisse liefert, denn auch jeder Angestellte bei Ping, egal ob Abteilungsleiter oder Putzkraft, kann einen Teil seiner Wochenarbeitszeit dazu verwenden, neue Produkte zu testen. Auch sämtliche Daten dieses Mitarbeitertestprogramms wandern in die Datenbank und sind ein Grund dafür, dass bei Amateurgolfern Ping-Schläger für ihre Fehlertoleranz berühmt sind.

Ping: Beim Gießen der Schlägerköpfe wird flüssiges Metall in Formen aus Sand, der den extremen Temperaturen widePing: Beim Gießen der Schlägerköpfe wird flüssiges Metall in Formen aus Sand, der den extremen Temperaturen wide
Beim Gießen der Schlägerköpfe wird flüssiges Metall in Formen aus Sand, der den extremen Temperaturen wide
Natürlich ist der Firmengründer, dessen Büro immer noch im Originalzustand auf dem Firmengelände erhalten ist, auch bei diesem Meeting mit den schlausten Köpfen des Unternehmens allgegenwärtig, denn Marty Jertson, Direktor der Produktentwicklung, schlägt den Bogen zum Gründer: "Diese Herangehensweise an die Produktentwicklung geht auf Karsten zurück. Seine ersten Designs waren das Ergebnis seiner Anwendung physikalischer Grundsätze auf den Schlägerbau. Ihm war sofort klar, dass das Trägheitsmoment des Schlägerkopfs eine große Rolle spielte, und so entstand sein erster Putter."

Karsten Solheim zeichnete die erste Skizze des Anser damals auf die Staubschutzhülle einer Schallplatte, weil gerade kein Papier zur Hand war. John Solheim hat glücklicherweise immer ein Smartphone zur Hand. Damit schoss er auf einer Urlaubsreise im Yellowstone-Nationalpark ein Foto von einer Libelle und schickte es seiner Entwicklungsabteilung. "Libellen sind unglaubliche Geschöpfe. Schaut doch mal, was wir von ihnen lernen können. Seien es aerodynamische Erkenntnisse oder neue Wege, Gewicht zu sparen, egal. Lasst euch von diesem Bild inspirieren!" Marty und Kollegen machten sich ans Werk und die Früchte dieser Arbeit sind auf der Krone des neuen G-Drivers mit ihrer Dragonfly-Technologie zu sehen.

Nach diesem ausführlichen Ausflug in die Welt der Ingenieure zeigt uns Pete die Hallen, in denen die Endmontage der Schläger stattfindet, bevor sie ausgeliefert werden. "Darum geht es uns bei Ping: custom fit, custom built, custom engineered. Letzterer Punkt steht für die Innovation unserer Produkte. Custom built meint die hohen Qualitätstandards und custom fit bedeutet, dass wir großen Wert auf die Servicekomponenten unseres Angebots legen. Es ist sehr wichtig, dass der Kunde genau das Produkt und die Spezifikationen bekommt, die er tatsächlich benötigt." Oder wie Karsten Solheim es selbst ausdrückte: "Wir geben unseren Kunden nicht, was sie wollen, wir geben ihnen, was sie brauchen." Ein risikoreicher Ansatz, schließlich möchte der Kunde gerne König sein. Doch der Erfolg von Ping zeigt, wie sehr Golfer den Ingenieuren in Phoenix vertrauen.

In den 70ern, als Ping richtig loslegte, versuchte Karsten Solheim, sich und seinen Produkten auch auf der Tour einen Namen zu machen. Die Sponsoringverträge dieser Epoche waren recht simpel strukturiert. Spieler A bekommt die Summe X, wenn er die Schläger von Firma B bei einem Profiturnier spielt. Häufige Ausrüsterwechsel waren die Folge, da jeder Spieler leicht aus seinem bestehenden Vertrag herausgekauft werden konnte. Diese fehlende Loyalität zur Marke gefiel Solheim nicht und es dauerte nicht lange, bis er seine Aktivitäten auf der Tour zwar nicht einstellte, aber merklich zurückschraubte und sich den Nachwuchsspielern der College-Teams widmete. Hier war es deutlich einfacher für ihn, eine lange anhaltende Verbindung zwischen Spieler und Marke zu schaffen. Diese Strategie wird bei Ping auch heute noch verfolgt und ist mit der Grund dafür, weshalb die großen Stars im Tour-Team von Ping die Marke meist schon ewig im Bag haben und auch seltener wechseln als andere.

Ping: Nachdem die heißen Schlägerköpfe abgekühlt sind, wird der formgebende Sand entfernt
Nachdem die heißen Schlägerköpfe abgekühlt sind, wird der formgebende Sand entfernt
Bereits in den 70ern entwickelte Solheim, der wenig von klassischen Sponsoringverträgen hielt, ein Pool-System für die Profis der Tour, die gerne Ping-Spieler wären. Teile des Sponsoring-Budgets der Marke wanderten in einen Topf und jeder Profi, der gerne zur Ping-Familie gehören würde, konnte mit um diesen Topf spielen. Bedingung: Er musste mindestens zwölf Ping-Schläger im Bag haben. "Dieses Pool-Programm lief bis Mitte der 90er", erinnert sich Pete. "Wer wollte, konnte sich zu Beginn des Jahres einschreiben, und Karsten hatte ein sehr komplexes System, mit dessen Hilfe er die Stärke eines Starterfelds bei einem Turnier mit den Platzierungen seiner Spieler und der Anzahl der von ihnen eingesetzten Ping-Schläger gegenrechnete." So verteilte Karsten Solheim das Budget nicht nur verhältnismäßig gerecht, er schuf gleichzeitig auch eine weitere Motivation für seine Spieler.

Petes Position bei Ping bringt es mit sich, dass er sich auch um das gesamte Staff-Team kümmern muss. Er kennt seine Pappenheimer auf der PGA Tour also ganz genau: "Wir brauchen Jungs wie Bubba, Louis oder Lee. Aber gleichzeitig sagen wir auch, dass keiner dieser Spieler größer ist als Ping selbst. Unsere Marke steht immer an erster Stelle."

Karsten Solheim war jedoch nicht nur ein erstklassiger Ingenieur und hervorragender Verkäufer, auch von Marketing und Markenbindung verstand er jede Menge. 1990 legte er den Grundstein für ein Ryder-Cup-Äquivalent im Damengolf und Golfdeutschland weiß seit 20155, wie weit dieser Wettkampf in den ersten 25 Jahren seiner Existenz bereits gediehen ist.

Mehr als 20 Jahre vor dem Solheim Cup kam Karsten die geniale Idee, siegreiche Profi-Golfer, die einen Ping-Putter verwendeten, mit einem vergoldeten Duplikat ihres Putters zu belohnen. Seine Putter waren bereits Mitte der 60er so beliebt auf der Tour, dass es nicht lange dauerte, bis eine stattliche Sammlung6 an goldenen Puttern zusammengekommen war. Der legendäre Ping Putter Vault war geboren und ist mittlerweile mit beinahe 3.000 Schlägern gefüllt. Nicht nur Ping-Vertragsspieler bekommen hier ihre Siege vergoldet. Auch mehr als 50 vergoldete Putter von Seve Ballesteros finden sich hier, und kurz bevor wir den Tresor wieder verlassen müssen, greift Pete zielsicher nach einem goldenen Anser und meint: "Der hier könnte euch interessieren." "Martin Kaymer, 2014 US Open Championship" steht auf der Schlagfläche eingraviert. Weder Martin noch Seve standen jemals bei Ping unter Vertrag, Karsten Solheim hat sie trotzdem bekommen - wow!




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